Eine Therapie, die das Individuum als einzigartiges Ganzes betrachtet


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Interview mit dem Cranio-Sacral-Therapeuten Isidro Sosa Ramos

Immer wieder tauchen in den Medien Berichte über Menschen auf, die über außergewöhnliche Heilkräfte verfügen. Zahllose Menschen begeben sich hoffnungsvoll in die Hände von sogenannten Heilern, geben dafür oft die medizinische Behandlung von schweren Krankheiten auf. In den allermeisten Fällen ist die Hoffnung auf Wunderheilung vergeblich.

Die Zeitschrift „P.M. Welt des Wissens“ schreibt im Juni 2004 zum Thema „Wunderbare Heilungen“, dass es ganz offensichtlich drei Arten von Überlebensstrategien sind, die zum Erfolg führen: die Kämpfer, die Gottesgläubigen und die „Umsteiger“, die ihr Leben radikal ändern.   

Da sich Teneriffa in den alternativen Insider- und Esoteriker-Kreisen seit Jahren immer stärker den Ruf erwirbt, ein besonders heilkräftiges und energiestarkes Potenzial zu besitzen, ist das Wochenblatt in der Serie der Frage nachgegangen. Nach Gesprächen mit der Heilerin Gertrudis Kohr, Dr. Heinsch und dem Geistheiler-Ehepaar Brodde und der Massage-Therapeutin Elsa haben wir den Cranio-Sacral-Therapeuten Isidro Sosa um ein Gespräch gebeten.

Die Cranio-Sacral-Therapie („Schädel-Kreuzbein-Therapie“, auch Kraniosakraltherapie) ist eine alternativmedizinische Behandlungsform, die sich aus der Osteopathie entwickelt hat. Es ist ein manuelles Verfahren, bei dem Handgriffe vorwiegend im Bereich des Schädels und des Kreuzbeins ausgeführt werden. Bisher gibt es keinen wissenschaftlichen Nachweis, dass das Verfahren wirksam ist; ebensowenig gilt die Osteopathie und die Akupunktur in der Schulmedizin als wissenschaftlich anerkanntes Heilverfahren. Im Mai 2008 erklärt der Leiter der Abteilung für Naturheilkunde der englischen Universität von Exeter und Plymouth, Edzard Ernst, auch die Chiropraktik basiere auf mystischen Konzepten und nicht auf „solid science“.

Isidro Sosa Ramos kam von der Chiropraktik zur Osteopathie und von dort zur Cranio-Sacral-Therapie und zur Akupunktur. Warum hat er sich auf diese alternativen, von der Wissenschaft nicht anerkannten Heilweisen eingelassen?

Sosa: Mein Osteopathie-Lehrer war ein begeisterter Verfechter der Cranio-Sacral-Therapie, und bei mir hat es einfach „Klick“ gemacht: Ja, genau das ist es! Der manuelle Kontakt zum Patienten ist ein sehr intensiver Kontakt. Die Akupunktur gehört für mich eigentlich unmittelbar zur Cranio-Sacral-Therapie wegen ihres Wissens um Meridiane und Reizpunkte. Beide Heilmethoden sind für mich untrennbar, obwohl ich zugeben muss, dass ich sehr selten die Akupunktur an sich einsetze. Aber das Wissen um die Akupunktur ist für mich unverzichtbar in meiner Arbeit als Cranio-Sacral-The­rapeut. Ich bin sehr zögerlich, was die Akupunktur-Nadeln angeht, für mich ist das immer ein Fremdkörper im Körper des Patienten. Die alten Chinesen selbst haben die „Ein-Nadel-Akupunktur“ eigentlich bevorzugt, es wurde also nur eine Nadel gesetzt, ein einziger Fremdkörper zugelassen. Viele Nadeln stellen nach meinem Verständnis eine Überfrachtung dar, das ist so, als wollte man eine Uhr mit einem Hammerschlag reparieren.

WB: Haben Sie die Cranio-Sacral-Therapie nach Sutherland, Upledger, Sills oder Milne erlernt?

Sosa: Eigentlich nach Upledger und Sutherland. Ich kenne alle vier, und ich muss sagen, die Unterschiede in der praktischen Anwendung sind minimal. Ich denke, der Trennung dieser vier Methoden lagen eher kommerzielle Motive zugrunde. Bei allen vieren geht es darum, dass es weniger um eine Technik geht, als darum, einen Heilprozess einzuleiten. Und da gibt es kein Patentrezept. Bei der Therapie findet eine Interaktion zwischen Patient und Therapeut statt, und das ist immer anders gelagert, bei jeder Sitzung, auch wenn es sich um den gleichen Patienten und den gleichen Therapeuten handelt.

Es gibt viele Dinge, die wissenschaftlich nicht erklärbar sind

WB: Die Cranio-Sacral-Therapie ist wissenschaftlich umstritten, weil eben der wissenschaftliche Nachweis der Wirksamkeit fehlt. Warum haben Sie sich dieser Behandlungsmethode verschrieben?

Sosa: Tatsächlich gibt es viele Dinge, die wissenschaftlich nicht erklärbar sind. Allerdings ist es wissenschaftlich bewiesen, dass die Realität, die ich wahrnehme, in gewissem Maße von mir selbst aufgebaut wird, im Hinblick auf das interaktive Umfeld, in dem ich mich gerade befinde. Ich filtere mir bestimmte Dinge heraus, andere lasse ich unbeachtet. Wissenschaftliche Methoden als Mess­latte für die Realität des menschlichen Wesens anzuwenden ist letztlich auch nichts anderes, als eine subjektive Realität als Maßstab zu setzen – und das ist bestimmt nicht der einzige Maßstab, den es gibt. Die Cranio-Sacral-Therapie ist sehr jung, und es gibt noch viel darüber zu lernen und zu erfahren. Ich persönlich würde mich freuen, wenn ich mein Scherflein dazu beitragen könnte, dass diese Therapie nicht mehr als fragwürdig gilt. Die Cranio-Sacral-Therapie existiert und hat zweifellos ihre Nützlichkeit. Es ist eine Therapie, die das Individuum als einzigartiges Ganzes betrachtet. Da gibt es keine Wiederholungen.

Die Wissenschaft geht von vollkommen anderen Grund­sätzen aus. Ein Versuch muss immer, unter den gleichen Umständen, das gleiche Ergebnis erzielen, dann handelt es sich um eine wissenschaftlich belegbare Tatsache. So funktioniert das aber beim Menschen nicht. Wenn ich davon ausgehe, dass jeder Mensch eine einzigartige, unwiederholbare Geschichte darstellt, dann können wissenschaftliche Untersuchungen, die auf dem Prinzip der Wiederholbarkeit basieren, nicht funktionieren. Wissenschaftliche Beweise sind für mich genauso real und vertrauenswürdig, wie eine einmalige, nicht wiederholbare Entwicklung.

WB: Prinzipiell geht es bei der Cranio-Sacral-Therapie darum, dass dem Patienten die Hände aufgelegt werden. Das Handauflegen ist von alters her in fast allen Kulturen bekannt. Ist hier vielleicht lediglich ein neuer Name für eine altbekannte Sache erfunden worden?

Sosa: Es ist richtig, dass uns der Impuls, durch physischen Kontakt zu heilen, angeboren ist. Wer sich stößt, legt automatisch eine Hand auf die schmerzende Stelle. Ein Tier leckt seine Wunden. Jede Spezies benutzt also eine ihr unbewusst bekannte Heilmethode des physischen Kontakts. Dieser Instinkt ist, wie gesagt, angeboren.

Ich glaube nicht, dass die Cranio-Sacral-Therapie besser oder schlechter als andere Heilmethoden ist, aber für mich ist das die richtige Arbeitsweise, sie entspricht meinem Naturell. Andere verlegen sich auf Reiki, Schamanismus oder andere Heilmethoden. Ich kann mich mit der Cranio-Sacral-Therapie voll identifizieren. Das besondere an einer Heilmethode ist ja nicht die Heilmethode an sich, sondern die Anwendung. Die Methode kann sehr simpel, aber dennoch aufgrund der Art und Weise, wie sie angewendet wird, effektiv sein. Bestimmte Kulturen haben die Cranio-Sacral-Therapie nicht entdeckt, aber dafür andere Heilmethoden, wie beispielsweise die Akupunktur, um dieses Meridiansystem zu aktivieren. Die Cranio-Sacral-Therapie ist eine holistische, also eine ganzheitliche Heilmethode; sie ist individuell und einzigartig, in ihrem gesamten Ablauf.

Jeder Mensch strahlt Informationen aus

WB: Wie entscheiden Sie, welche Behandlung ein Patient in seinem jeweiligen Zustand braucht?

Sosa: Das entscheide nicht ich. Die Entscheidung geht vom Patienten aus. Jeder Mensch strahlt Informationen aus. Wenn ich in physischen Kontakt mit einem Körper trete, empfange ich diese Informationen, und dementsprechend wähle ich die Behandlungspunkte aus. Im Zusammenhang mit dem jeweils aktuellen Zustand eines Körpers behandle ich die Zonen, denen sich meine Aufmerksamkeit zuwendet.

WB: Was fühlen Sie, wenn Sie mit einem Patienten arbeiten?

Sosa (lacht und fährt sich mit der Hand über den Kopf): Das ist schwer mit Worten zu erklären. Vielleicht kann ich eine Metapher dafür finden… (schüttelt verneinend den Kopf.) Die Information, die ich erhalte, kommt aufgrund der unterschiedlichen Spannungszustände im Gewebe. Ich komme über meine Hände in physischen Kontakt mit dem Patienten, und dann erspüre ich sozusagen eine komplette Landkarte von seinem Zustand. Das kann Wärme oder gar Hitze sein, Vibrationen des Gewebes, Spannungen, ein Gefühl von Leere oder Reichtum – das sind spürbare Übertragungen von Gefühlen.

WB: Was meinen Sie:  Kann jeder Mensch Cranio-Sacral-Therapeut werden, oder braucht man besondere Gaben dazu?

Sosa: Nun, ich denke, dass jeder Mensch alle menschlichen Fähigkeiten in sich trägt. Wer Cranio-Sacral-Therapeut werden will, kann diese Fähigkeiten ausbilden und ihre Umsetzung erlernen. Natürlich ist das auch eine Sache der persönlichen Neigung, und natürlich gibt es Menschen, die sich besser in andere einfühlen können. Aber „spezielle Gaben“ – nein, ich glaube nicht, dass die erforderlich sind.

WB: Wie ist das Feedback Ihrer Patienten nach einer Behandlung?

Sosa: Sie erzählen mir, wie sie sich fühlen, was sie empfinden. Wie sich ihre Körperempfindungen während der Behandlungen verändert haben – oder auch nicht. Sie sprechen vom Emotionen, Erinnerungen, die während der Behandlung in ihnen aufgestiegen sind. Es geht da nicht nur um rein physische Empfindungen, sondern auch um Gefühle.

WB: Welche Verbesserungen ihres Zustands berichten Ihnen Ihre Patienten?

Sosa: Also, das ist ein breites Spektrum, und das hängt ganz vom jeweiligen Zustand ab. Manche sagen, dass sie überhaupt nichts spüren, weder während der Behandlung, noch Tage danach. Andere sagen, dass sie sich seltsam fühlen, können das aber nicht näher definieren. Wieder andere berichten über ganz konkrete Veränderungen, beispielsweise das Nachlassen von Schmerzen, Verbesserung der Verdauung oder der Sicht. Oder von Veränderungen in ihrer Verhaltensweise, also eine Veränderung auf der emotionalen Ebene. Bei vielen findet ein Entwicklungsprozess statt, also vielschichtige Veränderungen, sowohl in positiver wie auch negativer Hinsicht. Wobei der Begriff „negativ“ relativ gesehen werden muss. Nicht alle Entwicklungen verlaufen gradlienig in positiver Richtung. Ein Veränderungsprozess kann zunächst durchaus als negativ empfunden werden, denn es ist ein Prozess mit Eigendynamik. Das ist so, als wenn man eine verklemmte Tür öffnen wollte. Zuerst ist es schwer und mühsam, aber dann geht es plötzlich, und man freut sich über die offene Tür.

WB: Die Theorien, auf denen sich die Osteopathie gründet, stehen im Widerspruch zu dem, was man heute über Anatomie, Pysiologie und Pathologie des menschlichen Körpers weiß. Was können Sie uns dazu sagen?

Sosa: Mag sein, dass die Osteopathie im Widerspruch zur anatomischen und pathologischen Prinzipen steht, aber nicht zu den physiologischen. Die Schulmedizin behandelt den Patienten aufgrund seiner Pathologie. Für den Osteopathen existiert nicht die Krankheit, sondern der Kranke. Das heißt, wir behandeln das kranke Individuum aufgrund seiner individuellen Lage. Wir sehen die gesamte Struktur des Körpers, den man nicht reparieren kann wie ein Auto: da wird ein durchgerosteter Auspuff durch einen neuen ersetzt. Auch Ärzte sind keine Lebens-Designer. Der Osteopath geht ganzheitlicher an die Dinge heran. Schulmedizin und Osteopathie sind zwei völlig verschiedene Schienen, die sich aber ergänzen.

WB: Sie sind auch Akupunkteur, eine Disziplin, die auch nicht von der Schulmedizin anerkannt ist. Das heißt, die drei Therapien, die Sie anwenden, sind weiterhin umstritten. Die Schulmedizin vertritt die Ansicht, bei den therapeutischen Erfolgen handele es sich grundsätzlich um einen Placebo-Effekt.

Sosa: Der Placebo-Effekt existiert, das ist allgemein bekannt. Und er funktioniert, auch das wissen wir. Aber weder bei der Osteopathie, der Cranio-Sacral-Therapie und der Akupunktur können wir von einem reinen Placebo-Effekt sprechen. Es haben Untersuchungen stattgefunden, die nach einer Behandlung messbare physische Veränderungen bewiesen haben. Das war kein Placebo-Effekt, denn es handelte sich um Doppel-Blind-Studien, bei denen die Patienten nicht wussten, welcher Effekt beabsichtigt war. Diese Studien wurden extra so von kritischen Forschern angelegt, dass ein Placebo-Effekt ausgeschlossen werden konnte.

Wie kann ich denn sagen, hier hört der Körper auf, und da fängt der Geist an?

WB: In den Interviews zu unserer Serie haben wir immer wieder festgestellt, dass unsere Gesprächspartner davon ausgehen, das Gleichgewicht Körper-Geist-Seele wieder herzustellen. Sie hingegen sprechen gar nicht davon. Warum?

Sosa: Für mich extistiert der Geist nicht als isoliertes Wesen. Wie kann ich denn sagen, hier hört der Körper auf, und da fängt der Geist an? Ich sehe den Geist als Bestandteil unseres Körpers, und mein Bewusstsein meines Zustands und meiner Lage erzeugt Auswirkungen auf meinen Gesundheitszustand. Bei der Seele ist es meiner Ansicht nach ähnlich. Die muss nicht integriert werden, solange wir sie in unserem Körper integriert haben. Das Konzept der Seele als selbstständiges Wesen kommt mir sehr „katholisch“ vor. Wir sind mit Körper, Geist und Seele ausgestattet in diese Welt gekommen, und das sind für mich Ebenen, die – zumindest solange wir als Mensch in dieser Welt leben – untrennbar zusammengehören, die untereinander in Bezug stehen und voneinander abhängen. Aber ich glaube wirklich nicht, dass jemand sagen kann: hier hört der Körper auf, und da fängt der Geist an und dort hört er auf, und hier beginnt die Seele. Es gibt Menschen, die behaupten, sie könnten die Aura der Menschen sehen, diese innere Ausstrahlung von Geist-Seele. Mag sein, dass es solche Menschen gibt. Ich kann das nicht, und ich finde das ganz in Ordnung so. Ich erspüre den ganzen Menschen mit meinen Händen. Körper, Geist und Seele kann ich da nicht trennen.

Persönliche Erfahrungen

Ich bin seit einiger Zeit bei Isidro in Behandlung. Als ich das erste Mal völlig verstresst zu ihm kam, hatte ich keine Ahnung, was das eigentlich für eine Behandlung sein sollte. Lediglich wusste ich, dass eine Freundin sehr von ihm schwärmte. Was er aber eigentlich tat, war und ist mir ein Rätsel. Ich streckte mich auf der Liege aus und schloss die Augen. Er stand eine Weile ganz ruhig neben mir, dann legte er seine Hände auf meinen Bauch. Später auf mein rechtes Bein. Und dann auf den Kopf und Nacken. Wenn ich seine Hände auf Bauch und Bein schon als angenehm empfunden hatte, so war das gar nichts gegen seine Hände an meinem Kopf. Es war sehr wohltuend und entspannend – und obwohl er seine Hände eine kleine Ewigkeit dort ließ, registrierte ich es mit Bedauern, als er sie wieder wegnahm. Er ging aus dem Raum und schloss die Tür leise hinter sich. Ich lag dann noch eine ganze Weile völlig entspannt da und spürte der Behandlung nach, bis er wieder hereinkam und sich nach meinem Befinden erkundigte. Es ging mir wunderbar. Ich ging total gelöst und entspannt nach Hause, und das positive Gefühl hielt noch lange an. Was das nun tatsächlich ist, was er da macht, kann ich nicht sagen. Nur soviel: es tut sehr, sehr gut.

Lesen Sie in unserer nächsten Ausgabe zum Abschluss unserer Serie das Interview mit Dr. Stefan Rastocny zum Thema „Biophysikalische Medizin“.




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