Die Güte des Herrn ist’s, dass wir nicht gar aus sind (Klgl 3,22)


„Lichtblicke“ der deutschen Seelsorger auf Teneriffa – diesmal von Pfarrer Wolfgang Gerth, Evangelische Gemeinde Teneriffa Nord

Bilder brennen sich unauslöschlich ein in unsere Seelen. Ereignisse hinterlassen tiefe Spuren in unserem Leben. Ein weißer Kindersarg. Oder das Foto, das in der Lokalzeitung vom Unfall zu sehen ist. Der junge Motorradfahrer leblos am Boden, mit einer Decke zugedeckt, aus der nur die verdrehten Beine herausschauen, daneben seine zerquetschte Maschine.

Jeder von uns kennt solche Bilder, jeder von uns kennt diese Frage: „Warum?“ Katastrophen in unserem Leben, Katastrophen auf  dieser Welt. Zeiten der Unmenschlichkeit, der Gewalt, des Terrors. Hilflosigkeit angesichts zerstörerischer Menschen und Mächte, vermischt mit den Zweifeln des Glaubens: „Gibt es Gottes Güte und Barmherzigkeit denn noch? Warum lässt er die Schatten des Bösen zu und die schrecklichen Bilder in unseren Seelen?“

„Wie geht es dir?“ „Ich kann nicht klagen.“ Wir kennen Frage- und Antwortspiel. Eigentlich müssten wir ja sagen: Das muss aber weh tun, wenn du nicht klagen kannst. Denn Klagen tut gut. Es befreit die Seele. Noch besser, wenn man ein Ohr hat, in das man klagen kann. Klage hat eine Adresse.

Deutschland, ein Land der Wehklagen? Leiden die, die heute klagen? Klagen die, die heute leiden? Die einen klagen über Staus auf den Autobahnen, andere haben keine Schuhe an den Füßen. Die einen klagen über zu hohe Gesundheitskosten, andere entbehren die nötigsten Medikamente. Die einen klagen über zu viel Flüchtlinge, andere sehen in ihnen verzweifelte Menschen auf der Flucht.

Der Prophet Jeremia klagt. Und in seiner Klage findet er starke Bilder: Zerschlagenes Gebein, Pfeile in den Nieren, vermauert mit Quadern, auf Kiesel beißen, zugestopfte Ohren. Gott macht mich fertig. Was für ein Gottesbild! Es ist von einer tiefen Beziehung geprägt. „Gott hat sich die Ohren verstopft“, so beschreibt er seine bedrückende Situation.

Wo auch der letzte Halt nicht mehr hält, ist wahrhaftig kein Halten mehr. Ich habe mal von Selbstmordattentäterinnen in Tschetschenien gelesen, deren Männer und Brüder vor ihren Augen erschossen wurden, sie selbst erniedrigt und gefoltert, an Leib und Seele zerstört. 

„Meine Seele ist aus dem Frieden vertrieben, ich habe das Gute vergessen.“ (Klgl 3,17)

Angesichts der Bilder, die ich in den Medien sehe, bin ich froh, dass die Bibel Worte für das Unerhörte hat. Vor allen moralischen Appellen, vor allen Friedensinitiativen gilt es doch, den welterschütternden Schrei, den Schmerz und die Bitterkeit in Worte zu fassen. Nicht politische Programme, sondern Bilder und Gesänge,  die zu Herzen gehen, können helfen, uns selbst zu erkennen und uns in Gegenüber zu setzen zu unserem Gott. 

„Dies nehme ich zu Herzen, darum hoffe ich.“ (Klgl 3,21)

Wie gut ist es, das Herz sprechen zu lassen. Im eigenen Herzen glüht vielleicht ein Funke Hoffnung auf wie Glut unter der Asche.

Gewiss, Sterben und Tode machen uns weiter zu schaffen, brechen Leben ab, machen einsam. Aber der Tod hat nicht das letzte Wort und Urteil über unser Leben zu sprechen. 

„Die Güte des Herrn ist’s, dass wir nicht gar aus sind“.(Klgl 3,22)

Hoffnung ist gerade kein Naturgesetz und gründet auf keiner Gesetzmäßigkeit. Hoffnung fußt auf Ausnahmen und Auszeiten Gottes.

Jeder neue Lebensmorgen ist im Grunde so eine überraschende Ausnahmeerfahrung, Lebenshoffnung nicht nur alter Menschen. Es ist das Glück, wider Erwarten im Leben dabei zu sein. Wie gerne möchten wir uns von dieser Hoffnung packen lassen. Aber vermutlich schaffen wir es nicht. Wir Protestanten sind ja darin Meister, dass wir am liebsten religiöse Einzelkämpfer sind.  Auch ein Jeremia hätte nicht so hoffnungsvoll reden können., wäre er ein protestantischer Individualist gewesen.

Was er hier klagt und hofft, was er dem Am-Ende-Sein entgegenhält, ist keine religiöse Lyrik, die er in einsamen Stunden für sich allein gedichtet hat. Es sind Grundaussagen des Glaubens, die schon lange vor ihm im Gottesdienst aufgeklungen sind, Zitate aus Liturgie und Predigten, aufgespeichert als Erfahrungen von anderen und trotz ihres Alters nicht abgegriffen und verbraucht. Jetzt, da ihm das Wasser bis zum Hals steht, hält er sich daran fest. Er nimmt sich zusammen mit anderen in der Gemeinde zu Herzen, was er nicht fassen könnte, bliebe er auf sich allein gestellt. 

Wer für sich allein lebt, dem geht schnell der Atem aus. 

Die Amerikanerin Jennie Nash erzählt, dass sie kurz vor ihrer Brustamputation an einer Party teilnahm. Die Diagnose war erst ein paar Tage her und Jennie, eine junge Mutter mit zwei kleinen Kindern, schwankt zwischen Panik, Gleichmut und Angst, verstümmelt zu werden. Als sie an diesem Abend in den Kleiderschrank greift, überlegt sie nicht eine Sekunde – sie entscheidet sich für ein rotes Abendkleid, das sie noch nie getragen hat. „Ich zog mir das Kleid über den nackten Körper und fühlte, wie das Innenkleid aus Satin von den Schultern zu den Füßen glitt. Der kühle Stoff streifte meine Brust. Ich steckte mir die Haare hoch, malte mir die Lippen leuchtend rot an und zog los – die einzige Frau mit einem roten Kleid in einem Saal voller Schwarz und Weiß. In jener Nacht kam ich mir vor wie die schönste Frau der Welt. (…) Alle im Raum, die mich kannten, wussten, dass bei mir Krebs festgestellt worden war. Am Sonntag zuvor war ich bei jedem Kirchenlied in Tränen ausgebrochen und hatte mich aus dem Gottesdienst hinausstehlen müssen. Aber während der Party erwähnte niemand meine Krankheit“, schreibt sie. Wie ein Schutzschild habe das rote Kleid gewirkt. Am nächsten Morgen allerdings habe eine Freundin angerufen und ihren Mut bewundert. Denn viele Frauen in dieser Situation wären nicht gekommen. 

„So fühlt sich also Mut an“, schreibt Jennie, „dieses plötzliche, unumstößliche Wissen, was zu tun – oder zu tragen ist, diese Gewissheit, dass nichts, nicht einmal Krebs, mir mein Selbstvertrauen nehmen würde, dieses süße Aroma des vollen berauschenden Lebens.“

Von diesem unumstößlichen Wissen, dass wir nicht gar aus sind, spricht der Prophet Jeremia. Wir können miterleben, wie eine Seele sich daran erinnert, wie das Klage-Lied plötzlich den Rhythmus wechselt und ein Mensch herausgezogen wird aus seinem Schneckenhaus auf die Tanzfläche des Lebens. Mögen die Feinde tausendmal triumphieren: Am Ende siegt doch das Leben. Nach jeder Nacht zieht ein neuer Morgen auf. Der Mandelzweig blüht, die Liebe bleibt. Der Schmerz löst sich in Tränen, in Lachen. Die Angststarre vergeht. 

Woher nehmen wir die Kraft, zuzuhören und mitzusingen, wenn es uns die Kehle zuschnürt? Ich glaube, es kommt darauf an, sich zum Leben zu bekennen, so wie Jennie mit dem inspirierenden roten Kleid. Was auch immer geschieht: Wir können darauf vertrauen, dass Gott uns liebt. Der Prophet entfaltet dies in den Begriffen tiefster Beziehung zwischen Menschen: Güte, Barmherzigkeit, Treue. Wir sind gehalten in Gottes Treue, unverletzbar in unserer Würde.  So ist Gott, „alle Morgen neu“. „Seine Güte ist’s, dass wir nicht gar aus sind“.

Wer ein Morgenmensch ist, versteht das besonders gut. Die Vögel singen, ehe die Sonne aufgegangen ist. Licht zieht auf im Osten. Die Luft ist klar und frisch: „All Morgen ist ganz frisch und neu“. Der Tag liegt unverbraucht vor mir. Ich rieche es, ich spüre es auf der Haut.

Wer einmal diesen Geschmack erfahren hat, wird davon nicht loskommen. Es ist ein köstlich Ding. Ich liebe gegen alle Vernunft und Erfahrung. Verrückt und lebendig.

Wolfgang Gerth




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