Die enge Tür


Gedanken für mich – Augenblicke für Gott

„Wir kommen alle, alle, alle in den Himmel, weil wir so brav sind….“ Wir alle kennen diese Liedzeile, die wir wahrscheinlich selbst schon des öfteren geträllert haben. Aber mal ganz davon abgesehen, dass die zweite Satzhälfte schlicht und einfach nicht stimmt und dieses Lied sowieso nur in einem mehr als wein- oder bierseligen Zustand gesungen werden kann – einer kritischen Prüfung kann die Hauptaussage alles andere als standhalten.

Denn wenn ich in die Bibel schaue, dann spricht da Jesus von einer engen Tür, die zu durchschreiten wirklich alle nur erdenklichen Kräfte fordert, und er spricht ferner davon, dass es nicht vielen gelingen wird, dort hindurchzukommen. So korrigiert müssten wir dann aber doch viel eher singen: Wir kommen nicht alle, nicht alle, nicht alle in den Himmel…

Vielleicht fragen Sie sich jetzt: Was soll denn das werden, lieber Herr Bolz? Doch nicht etwa eine Maßregelung dergestalt wie es früher Höllenpredigten gab? Nach vielen seichten Verlautbarungen mal wieder ein paar Zeilen, in den ordentlich auf den Putz gehauen wird? Mancher/m wäre das vielleicht ganz recht. Denn viele in unserer Kirche, aber auch viele Christen anderer Konfessionen meinen ja, so könne es – auch mit dem Glauben – nicht weitergehen. Also Drohbotschaft statt Frohbotschaft? 

Ich sage ganz klar NEIN! Denn eines verbietet mir die Botschaft Jesu trotz allem: Nämlich Ihnen Angst zu machen. Was Menschen seit zwei Jahrtausenden als Befreiung erfahren, dass darf niemand in Angstmacherei umbiegen. Allerdings ist es mir genauso untersagt, Ihnen das Evangelium Jesu nur als ein unverbindliches Angebot darzulegen – etwa in dem Sinne: Irgendwo wird es schon einen Gott geben, irgendwie wird es nach dem Tod schon weitergehen. Die Botschaft Jesu spricht eindeutig von der Entscheidungszeit. Und was für viele Bereiche unseres menschlichen Lebens gilt, das gilt natürlich in gleicher Weise auch für unseren Glauben und unsere Beziehung zu Gott. Nichts wirklich Wichtiges im Leben gibt es ohne Entscheidung und Verantwortung: Keine Liebe, keine Partnerschaft, keinen Beruf, keine Treue, kein Vertrauen, keine Ehe und eben auch keinen Gott und keinen Himmel. Das ganze öffentliche Wirken Jesu ist ein einziger Aufruf zur Entscheidung. In Freiheit und aus Liebe sollen wir uns für ihn und für eine tragfähige Beziehung mit Gott entscheiden. Es reicht offensichtlich nicht aus, „nur“ mit Jesus gegessen und getrunken und vielleicht ab und an seiner Lehre gelauscht zu haben.

Wenn ich die Schriften des Neuen Testamentes richtig gelesen habe, dann gibt es nach Jesus nur eine einzige Begründung für einen Ausschluss – und das wäre Unrecht zu tun! Recht zu tun, für das Recht zu sorgen oder – wie es eine traditionelle Tugend besagt – als rechtschaffene Menschen zu leben, das wäre wohl die Spur, auf die Jesus uns bringen will. Und wenn ich weiterhin auf Jesus schaue, dann entdecke ich schnell, dass es ihm immer wieder darum ging, den Kleinen und Zu-Kurz-Gekommenen, denen am Rande Stehenden das nötige Recht zu verschaffen. Das könnte dann für uns heute konkret heißen: Wo sind denn um mich herum jene, mit denen keiner etwas zu tun haben will? Wer wird an meinem Arbeitsplatz gemieden oder gar gemobbt? Wer soll denn durch die liebe Nachbarschaft wieder aus einem Haus oder einer Wohnung geekelt werden? Was bedeuten für mich und meinen Lebensstil – z.B. auch hier im Urlaub – die hungernden Massen in weiten Teilen der Welt?

Ihr seid berufen, Recht zu schaffen in eurem Leben, würde Jesus jeder und jedem von uns heute sagen. Keine Angst – Ihr müsst nicht die Welt erlösen, und ihr könnt auch nicht wirklich alle Probleme in ihr lösen. Aber dort, dort wo ich euch hingestellt habe, dort könnt ihr mit Herz und Verstand euer Leben einsetzen. Ob ihr dann alle auch in den Himmel kommt? Das lasst dann einfach mal mein Sorgen für euch sein!!!

Bertram Bolz, Diakon

Kath. Touristen- und

Residentenseelsorger

Diesen und frühere Artikel können Sie nachlesen unter: www.katholische-gemeinde-teneriffa.de oder www.wochenblatt.es




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