Die einen sagen es, die anderen nicht


Gedanken für mich – Augenblicke für Gott

Ein Fahrgast belohnte einmal einen Taxifahrer in Stuttgart mit einem reichlich großen Trinkgeld. Der nahm es wortlos in Empfang, wo-rauf der Fahrgast zu ihm sagte: „Sagt man im Schwabenland eigentlich nicht »Danke«?“ Darauf sagte der schwäbische Taxifahrer in seiner ihm ureigenen Art: „De oine saget’s, de andere net!“

Genau das ist aber unser Problem: Manche sind dankbar und manche sind es halt nicht. Jede und jeder von uns macht im Lauf seines Lebens solche Erfahrungen; und sie sind umso schmerzlicher, je mehr man sich zuvor für den oder die andere eingesetzt hat. Nicht umsonst lautet ein altes schottisches Sprichwort: „Kauf einen Dieb vom Galgen los, und er wird helfen, dich zu hängen.“ Nur frage ich mich: Weshalb ist das so? Dieses unverständliche Verhalten ist auf den ersten Blick nicht erklärbar. Wenn man sich aber Zeit nimmt und Gedanken darüber macht, welche Eigenschaften denn zur Dankbarkeit erforderlich sind, dann wird man über die Undankbarkeit nicht mehr ganz so überrascht sein. 

Dank oder auch Undank setzen ja voraus, dass man etwas geschenkt bekommen hat – etwas Greifbares, Materielles oder auch Liebe, Zeit oder moralische Unterstützung. Wenn man nun ein Geschenk annimmt, dann gibt man damit zu, dass man in irgendeiner Weise „bedürftig“ ist, also von jemandem abhängig. Für viele von uns ein unangenehmes Gefühl, das gegen die Selbstachtung, das Selbstwertgefühl und gegen die großartige Vorstellung geht, die man so von sich selbst hat. Jedes Geschenk kratzt also ein wenig an der Eitelkeit, an dem Idealbild, das man sich so im Laufe der Jahre über sich selbst zurechtgezimmert hat.

Wenn ich nun auf die Sündenfallgeschichte am Anfang der Bibel blicke – Sie überlegen richtig, das war das mit Adam und Eva und dem Apfel – dann ist damit nichts anderes zum Ausdruck gebracht als die SelbstHERRlichkeit des Menschen, der sich an der Spitze alles Lebenden sieht und nicht einmal von Gott abhängig sein will. So könnte man durchaus sagen: In der Undankbarkeit spiegelt sich etwas von der Grundsünde (im theologischen Fachgebrauch nennen wir es „Ursünde“) des Menschen wider.

Wobei etwas anderes sicher auch noch eine große Rolle spielt: Nennen wir es Versäumnisse in der Erziehung. Viele wachsen doch in der Vorstellung auf, alles beanspruchen zu können, auf alles ein Recht zu haben. Diese Einstellung übersieht aber völlig, dass auch andere Rechte und Ansprüche haben; sie ist also im Grunde ihres Wesens purer Egoismus. Für kleinere Kinder mag diese Haltung ja noch durchaus natürlich sein. Aber dieser Grund-egoismus sollte von Eltern und Erziehern rechtzeitig gebremst und korrigiert werden. Aber genau das passiert viel zu selten. So wäre es meines Erachtens unendlich wichtig, von Anfang an jedem Kind bewusst zu machen, dass eigentlich gar nichts selbstverständlich ist: Weder die Liebe der Eltern, noch die Mühe der Lehrer, noch die Freundschaft von Klassenkameraden. Erst wenn Kindern und Erwachsenen klar wird, dass man auf Geschenke niemals Anspruch hat, dass Geschenke immer auf der freiwilligen Liebe des anderen beruhen, erst dann ist die Bahn frei für eine dankbare Gesinnung. Schon in den ersten Lebensjahren muss eine solche Haltung grundgelegt werden, die sich rein äußerlich z.B. durch ein „Dankeschön“ kundtut.

Ich weiß sehr gut, dass auch die Gewohnheit eine große Rolle spielt. Da bemerkt man z.B. zu Beginn einer partnerschaftlichen Beziehung oder auch einer neuen Freundschaft, was der oder die andere alles für einen tut, was so gar nicht selbstverständlich ist. Aber wenn das eine Weile geht, dann gewöhnt man sich daran und wieso soll man dann bitte schön, wenn es doch diesen Gewohnheitseffekt wie selbstverständlich gibt, noch danken? Undank kann also durchaus auch ein Zeichen für ein schlechtes Gedächtnis sein. Mir kommt es mitunter so vor, als hätten wir genau ein solches, wenn wir an all das denken, was wir tagtäglich zum Leben brauchen, was unseren Lebenskomfort ausmacht. Es ist ein freiwilliges Geschenk der Schöpfung Gottes, auf das niemand von uns wirklich einen Anspruch hat. Ist es unser schlechtes Gedächtnis oder unsere SelbstHERRlichkeit, die uns nur allzu oft vergessen lässt, dass wir Menschen ganz und gar von unserem Schöpfer abhängen und gar nicht genug danken können, dass wir leben dürfen – und so gut leben können!!

Einmal im Jahr dankbar sein – eben an Erntedank – das ist genauso schwach, wie einmal im Jahr Mutter- oder Vatertag mit kleinen Geschenken zu feiern oder einmal in der Woche seinen Pflichtbesuch in der Kirche zu absolvieren. Nein – Dankbarkeit muss geübt werden. Jeden Tag, jede Stunde! Und wer bietet sich für dieses Training denn besser an als die Mitmenschen, die uns täglich umgeben?

Bertram Bolz, Diakon

Kath. Touristen- und

Residentenseelsorger

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