Die aufgestaute Trauer um ein Boot, nach dem niemand mehr sucht

Als sie an einem Strand an der Westküste Afrikas in ein Boot stieg, verlor Karamogo ihren 12-jährigen Sohn Kanaté aus den Augen. Foto: EFE/Miguel Barreto

Als sie an einem Strand an der Westküste Afrikas in ein Boot stieg, verlor Karamogo ihren 12-jährigen Sohn Kanaté aus den Augen. Foto: EFE/Miguel Barreto

Karamogo Kourutum ist eines von vielen Gesichtern des Dramas der illegalen Migration

Teneriffa – Karamogo Kourutum hat alles aufs Spiel gesetzt, um ihren Kindern Nora und Kanaté in Frankreich eine Bildung zu ermöglichen, die sie ihnen in ihrer Heimat in der Elfenbeinküste durch den Verkauf von Schuhen nicht finanzieren konnte. Und sie hat verloren. Seit sieben Monaten trauert sie in einer Unterkunft des Roten Kreuzes auf Teneriffa um ein Boot, nach dem längst nicht mehr gesucht wird, das Boot, das vor dem auslief, in dem sie selbst mit Kurs auf die Kanaren aufs Meer hinausfuhr. In diesem Boot saß ihr zwölfjähriger Sohn Kanaté.
Diese afrikanische Mutter ist nur eines von vielen Gesichtern, die das Drama der illegalen Migration widerspiegeln. Ihr persönliches Schicksal steht für viele Menschen, deren Traum von einer besseren Zukunft in Europa auf dem Atlantik platzt.
„Nora ist sehr gut im Lernen. Seit sie in der Schule ist, hat sie noch keine schlechten Noten bekommen“, erzählt die 39-jährige Karamogo Kourutum dem Reporter der Nachrichtenagentur EFE. Sie stammt aus einem ländlichen Gebiet bei Séguéla im Landesinneren der Elfenbeinküste. Wenn sie von ihrer Tochter im Teenageralter spricht, strahlt ihr Gesicht. Sie entfernt sich fast nie von dem Mädchen, berichten freiwillige Mitarbeiter des Aufnahmezentrums, in dem Karamogo mit anderen zehn afrikanischen Frauen untergebracht ist. Wenn sie es doch einmal tut, dann behält sie ihr Kind immer von Weitem im Auge. Diese besonders ausgeprägte Mutter-Tochter-Bindung ist das Ergebnis der Angst, die sie in sich trägt, seit sie den Strand von Dakhla (Westsahara) am 18. Dezember in der Ferne verschwinden sah. Sie befand sich an Bord eines von vier Booten, die an diesem Tag ihre illegale Reise begannen, und in denen insgesamt 108 Menschen auf den Atlantik hinausfuhren, darunter zehn Kinder.
In den letzten zwei Wochen des Jahres 2019 wurden auf den Kanarischen Inseln 536 Flüchtlinge aus Afrika gerettet, die in 18 Booten unterwegs waren, die meisten davon vor der Küste Gran Canarias. Für die Seenotrettung auf den Inseln waren es Tage intensiver Arbeit, denn in diesen zwei Wochen erreichten unverhältnismäßig mehr Bootsflüchtlinge die Inseln, als in den Monaten zuvor.
20% der insgesamt 2.698 illegalen Migranten, die 2019 auf den Inseln ankamen, taten es in den letzten zwei Wochen vor Jahresende. Zwischen dem Vormittag des 20. Dezember und dem Nachmittag des 21. Dezember wurden von den Seenotrettungskreuzern 81 Personen aus drei Flüchtlingsbooten gerettet. Das letzte davon, das von einem Frachtschiff 200 Kilometer von den Kanarischen Inseln entfernt gesichtet wurde, war das Boot, in dem Karamogo und ihre Tochter Nora saßen.

Karima El Mahmdi ist beim Roten Kreuz für die Abteilung illegale Migration zuständig. Sie kennt viele Schicksale, die ähnlich dem von Karamogo sind. Foto: EFE/Miguel Barreto
Karima El Mahmdi ist beim Roten Kreuz für die Abteilung illegale Migration zuständig. Sie kennt viele Schicksale, die ähnlich dem von Karamogo sind. Foto: EFE/Miguel Barreto

Aufgestaute Traurer
Karamogo hat das Bedürfnis, ihre Geschichte zu erzählen. Die Mitarbeiter der Hilfsorganisationen, die sie in der letzten Zeit unterstützt haben, sind sich einig, dass es ihr guttut. „Wir haben sie durch einen Psychologen betreuen lassen, aber sie hat die Trauer noch nicht abgeschlossen“, berichtet Karima El Mahmdi, die für die Abteilung Immigration bei Cruz Roja verantwortlich ist.
Karamogo kann etwas Französisch, spricht aber lieber in ihrer Muttersprache Yulá, einer von vielen einheimischen Sprachen der Elfenbeinküste, die auch ein Mitarbeiter der Migrantenunterkunft des Roten Kreuzes in San Isidro spricht. Auch er kam in einem Flüchtlingsboot, und ihm wurde geholfen. Jetzt leistet er Hilfe.
Karamogo möchte nicht darüber sprechen, wie sie Dakhla erreichte, die Stadt in der Westsahara, wo Hunderte junge Afrikaner auf die Chance warten, in ein Boot zu steigen und nach Europa zu fahren – eine Reise, von der sich die wenigsten im Vorfeld der Lebensgefahr bewusst sind, der sie sich auf dem 500 Kilometer langen Weg aussetzen. Wenn alles glatt läuft, dann dauert die Reise drei bis vier Tage.
Karamogo bereitete sich auf die Reise mit ihrer Schwester Hawa vor. Sie war schwanger, und zusammen mit den Kindern erreichten sie die Küste in der Nacht vom 18. Dezember. Am Strand warteten über 100 Personen darauf, in ein Boot zu steigen. Karamogo ging mit Nora noch rasch hinter die Büsche. Als sie wiederkam, waren Hawa und ihr Sohn Kanaté verschwunden.
Als Karamogo nach dreizehn Tagen bei der Polizei in Las Palmas de Gran Canaria das Verschwinden ihres Sohnes meldete, berichtete sie, dass ihr gesagt wurde, Kanaté sei im ersten Boot gestartet.

Wo ist Kanaté?
„Die Reise war furchtbar. Ich wurde seekrank, aber vor allem war ich in Sorge um den Jungen“, erinnerte sich Karamogo im Gespräch mit EFE. Als sie an Bord des Seenotrettungskreuzers im Hafen von Arguineguín auf Gran Canaria eintraf, fragte sie die Polizisten und andere Migranten, die vorher angekommen waren, nach ihm. So erfuhr sie, dass ihr Boot das dritte war, das angekommen war. Von Kanaté wusste niemand etwas.
„Ich dachte, er sei vielleicht woanders auf den Kanaren gelandet oder an einem anderen Ort in Spanien“, sagt sie. Sie hatte ja keine Ahnung, wo und in welcher Entfernung zu Europa die Kanaren liegen. Ihr wurde nur gesagt, dass sie nach Spanien fahren, auch, dass sie in einem „großen Boot“ fahren würde. Nicht im Entferntesten hätte sie vermutet, dass sie auf einer Insel stranden würde, die 2.000 Kilometer von ihrem eigentlichen Ziel entfernt ist, Frankreich, wo ihr Bruder lebt.
Ihre erste Nacht in Spanien verbrachte sie weinend, umgeben von anderen Personen, die auch nach Angehörigen fragten, die verschollen waren, wie ein 19-jähriges Mädchen, das Tage später mit ihr zum Kommissariat ging. Sie vermisste eine 23-jährige Verwandte mit zwei Kindern im Alter von fünf und drei Jahren.
Die NGO „Caminando Fronteras” veröffentlicht jedes Jahr einen Bericht mit der Zahl der Bootsflüchtlinge, die auf den Routen nach Spanien ihr Leben auf dem Meer verloren. Dem jüngsten Bericht zufolge verschwanden im Laufe des Jahres 2019 elf Boote, die die Kanarischen Inseln ansteuerten, spurlos im Atlantik. Mit ihnen waren mehr als 300 Personen unterwegs. Bedauerlicherweise ist die Geschichte von Karamogo Kourutum nicht unüblich.

Boote in Vierergruppen
„Wir erinnern uns an diese Tage mit Beklemmung. Die Boote fuhren in Vierer- oder Dreiergruppen los. An den Stränden versammelten sich viele Menschen, und es gab keine verlässlichen Angaben darüber, wie viele in jedes Boot stiegen. Wir stellten fest, dass vier abfuhren, aber nur drei ankamen“, berichtete EFE die spanische Aktivistin Helena Maleno, deren Mobiltelefon in diesen Tagen ständig klingelte. Sie sprach auch mit Karamogo, die besorgt war, weil sie nichts von ihrem Sohn wusste. Es ist immer wieder dasselbe, wenn ein Boot vermisst wird. Tagelang schwelt die Ungewissheit über seinen Verbleib, ob es sank, ob es umkehrte, ob die marokkanische Polizei es erwischte und die Insassen verhaftet sind und sich deshalb nicht melden können…
„Es gibt auch häufig arglistige Gerüchte über Boote, die angekommen sein sollen. Diese Gerüchte werden von denjenigen verbreitet, die daran interessiert sind, das vereinbarte Geld für die Reisen zu bekommen“, weiß Helena Maleno. Auch Karamogo wurde gesagt, ihr Sohn sei auf Teneriffa angekommen, und so erreichte sie eine Verlegung nach San Isidro.
Auf Teneriffa wartet sie immer noch. Von ihrer Unterkunft aus kann sie die Küste von El Médano sehen, und jedes Mal, wenn sie hört, dass ein Flüchtlingsboot ankommt, dreht es ihr den Magen um. Nicht nur wegen ihres Sohnes, sondern auch wegen der Menschen, die in diesem Boot ihr Leben riskierten.
„Ich bin seit sieben Monaten hier, ich bin sehr müde“, bedauert Karamogo. „Ich wollte nur, dass meine Kinder nach Europa kommen und lernen können. Ich hatte mich getrennt und konnte mit meinem Gehalt keine Schule bezahlen.“

Gestrandet auf den Inseln
Karamogo möchte, dass ihr erlaubt wird, nach Frankreich zu reisen. Doch die Chancen stehen schlecht, denn sie hat keine Ausweispapiere und kein Geld. Sie weiß, dass seit einiger Zeit keine Migranten mehr von den Inseln aufs spanische Festland gebracht werden, obwohl mehrere NGOs und sogar die kanarische Regierung dies fordern, um den Druck auf das Unterbringungsnetz der Inseln zu reduzieren. Das Coronavirus führte zur Schließung der Grenzen, doch die Umquartierung von Migranten nach Spanien war schon vorher blockiert.
Anwalt Daniel Arencibia, der Karamogo bei der Vermisstenmeldung ihres Sohnes half und sich in Sachen illegale Migration auskennt, hat seine eigene Theorie. Er glaubt, dass die Migrationsroute über die Kanaren unattraktiv gemacht werden soll, indem in Afrika die Nachricht verbreitet wird, dass es sich nicht lohnt, weil von den Inseln nur die Rückführung nach Mauretanien droht. Tatsächlich sehen 99% der illegalen Migranten die Inseln nur als Transitgebiet, denn sie wollen weiter nach Frankreich, Belgien, Großbritannien, Deutschland oder vielleicht nach Barcelona.
Karamogo hat noch nicht aufgegeben. Sie hofft, Frankreich zu erreichen, aber sie wird nie wieder in ihrem Leben ein Boot besteigen. „So etwas wünsche ich nicht einmal meinem schlimmsten Feind“, sagt sie mit Bedauern. Aus diesem Albtraum rettet sie nur ihre Tochter Nora, die fleißig lernt und schon Spanisch versteht. „Sie möchte Flugbegleiterin werden“, sagt Kararmogo und lächelt kurz. „Naja, sie ist schwarz, kann sie das?“ Der Übersetzter schaut den Reporter fragend an. Ja, sie kann. Sie muss nur wachsen.
EFE/José María Rodríguez

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