Deutscher Forscher entdeckt Guanchen-Höhlen


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Bedeutender archäologischer Fund auf Tafelberg Mesa de Tejina im einstigen Guanchen-Königreich von Tegueste

Dem auf Teneriffa lebenden deutschen Residenten Manfred Jantzon, Forscher und Buchautor zum Thema Ureinwohner der Kanarischen Inseln, gelang am 11. Oktober 2009 eine äu­ßerst interessante Entdeckung auf dem Tafelberg Mesa de Tejina im Gebiet des einstigen Guanchen-Königreiches von Tegueste.

Nach seinen Worten bringt diese mehr Licht in das geschichtliche Dunkel der Vergangenheit der Ureinwohner dieser Insel und ihrer Lebensweise.

Seit mehr als 15 Jahren bereist der von seinen kanarischen Freunden als „Guanche ale-mán“ anerkennend genannte Forscher alle sieben Inseln des Archipels auf den Spuren der Urbevölkerung. Seit 2006 ist er Mitglied des Institutum Canarium, einer internationalen Forschergemeinschaft, deren Ehrenpräsidentin ihre Majestät Königin Sofia von Spanien ist.

Eine seiner für ihn wichtigen Arbeiten bestand unter anderem in der Erforschung der Pyramiden von Güímar, die ihn auch mit Thor Heyerdahl zusammenführten. Kurz nach dessen Tode im Jahr 2002 glaubt der Deutsche ausreichend Hinweise gefunden zu haben die beweisen, dass es sich bei diesen nicht nur um bloße Steinhaufen aus dem Ende des 19. Jahrhunderts handelt – wie seitens der kanarischen Forscherwelt angenommen wird – sondern, wie auch von Heyerdahl vermutet, um astrophysikalisch ausgerichtete Kultbauten der Guanchen. Als deren Entstehungsdatum nimmt Jantzon die Zeitwende um Christi an und als Erbauer möglicherweise die Kelten.

Der Tafelberg Mesa de Tejina liegt im Tal von Tegueste, welches sich von Los Rodeos hinab bis zum Meer ausbreitet. Zu Zeiten der Guanchen war das „Menceyato Tegueste“ eines von insgesamt neun König­reichen der Insel und reichte von Aguere, dem heutigen La Laguna, bis zum Valle de Guerra im Westen und im Norden bis Punta del Hidalgo am Rand des Anaga-Gebirges.

Wie bisherigen Berichten kanarischer Zeitungen zu entnehmen war, erstreckten sich die Forschungsarbeiten tinerfenischer Archäologen bis zum heutigen Tage auf die Ebene von La Laguna und den alten Stadtkern dieses Ortes, auf den unteren Bereich des Tals von Tegueste mit seinem Barranco de Agua de Dios, den Barranco de Milán von Tejina, die Montaña de Guerra und deren Umgebung, sowie auf die Küstenabschnitte vom Valle de Guerra bis Bajamar und Punta del Hidalgo. Laut Aussage des „Inventario de Patrimonio Arqueológico de las Canarias Occidentales“ (gegründet 1989) teilt sich die Gemeinde von La Laguna in sechs archäologische Zonen auf, in denen man bisher Wohnhöhlen, Hütten aus Tro­ckensteinmauern, Hirtenunterschlüpfe, Concheros (Muschelhaufen), Begräbnishöhlen, Cazoletas (ins Gestein gehauene schalenförmige Vertiefungen) und auch Felszeichnungen fand. Man geht davon aus, dass diese Region in vorgeschichtlicher Zeit schon sehr dicht besiedelt war.

Aus Dokumenten der Chronisten der Eroberungszeit ist bekannt, dass Berge für die Ureinwohner Heiligtümer waren; sie galten als Sitz der Götter, als Verbindungsstätte zwischen Erde und Himmel.

Ausgehend auch vom überlieferten Wissen über die Religion und Lebensweise der Urbevölkerung, war es für den Forscher ein Ansporn, diesen 620 Meter hohen Berg gerade in seinem zerklüfteten oberen Bereich nach Spuren der Guanchen zu erkunden, zumal bisher nichts über archäologische Untersuchungen und Funde dort bekannt war.

In den Morgenstunden des 11. Oktobers 2009 startete M. Jantzon den Aufstieg begleitet von seinem kanarischen Freund Alejo, denn ein Alleingang in diesem unwegsamen, steilen und zerklüfteten und von stacheligen Kakteen überwuchertem Gebiet, wäre kein leichtes Unterfangen zumal das Risiko eines Sturzes groß ist und unabsehbare Folgen gehabt hätte.

Was er dann im Rund unterhalb des Plateaus des Berges entdeckte, übertraf all seine Vermutungen. Er fand von Gestrüpp und Felsabbruch teils versteckte Eingänge zu insgesamt acht Höhlen großen Ausmaßes. Einige davon erstreckten sich von der einen Seite des Gipfels bis zur anderen und waren miteinander durch kurze Gänge verbunden.

Als er schließlich in einer dieser Höhlen auch noch Keramikscherben, Obsidiansplitter (Vulkanglas vom Teide), Muschelschalen und dünne Knochen fand, Dinge die bereits zuvor von den Archäologen im Tal entdeckt worden waren, stand für ihn fest, dass hier oben in vorgeschichtlicher Zeit Guanchen gewohnt hatten.

Ein weiterer Beweis dafür waren zudem die von Menschenhand aufgeschichteten Steinmauern, die im Eingangsbereich einiger Höhlen als Schutz vor Regen und Wind aufgeschichtet waren oder im Innenbereich als Trennwand dienten. Wie auch beim „Cenobio de Valerón” auf Gran Canaria, befindet sich auf dem Plateau dieses Berges vermutlich ebenfalls ein „Tagoror“, ein Versammlungsplatz.

Die sich nun stellende Frage ist: Handelt es sich um Wohnhöhlen einer Siedlungsgemeinschaft von Familien oder dienten diese einer anderen Gruppe der Guanchen als Quartier, worauf die Verbindungen zwischen den einzelnen Bereichen hindeuten. Hinzu kommt die abgeschiedene Lage fern der allgemeinen Wohngebiete im Tal.

Chronisten der spanischen Eroberungszeit des Archipels (1402-1496) berichten übereinstimmend von abseits der Gemeinschaft lebenden Jungfrauen, die in Enthaltsamkeit ihr Leben ihrem Gott geweiht hatten.

Sedeño (um 1495) spricht hierbei von einem Konvent, einem Kloster, in dem gottgeweihte Jungfrauen lebten, die „Harimaguadas“ (auch Magudas) genannt wurden. Zu deren Aufgaben zählten neben religiösen Handlungen auch die Vorbereitung junger Mädchen, besonders der Töchter des Adels auf ein künftiges Eheleben indem sie in allen wichtigen Dingen des Alltaglebens unterrichtet wurden. Ein solches Kloster war das „Cenobio de Valerón“ nahe dem heutigen Ort Santa Maria de Guía. Dieses stellt einen Komplex von Wohnhöhlen und Speichern in einem Bergmassiv dar, die teils miteinander verbunden sind durch Galerien und Treppen. Auf dem Berggipfel befindet sich ein „Tagoror“. Weitere Hinweise für solche Klöster in Höhlen oder Steinhäusern finden wir neben Galdar auch in Telde und Tirajana, den wichtigs­ten Menceyatos (einstigen Königreichen) der Nachbarinsel.

Auf Teneriffa lebten die Harimaguadas ausschließlich in Naturhöhlen abseits der Gemeinschaft. Sollte sich die Vermutung von Manfred Jantzon bestätigen, so hat er nicht nur weitere Wohnhöhlen, sondern als erster ein vermutliches Höhlenkloster der Guanchen auf dieser Insel entdeckt. Die weiteren Nachforschungen liegen nun in den Händen der hiesigen Archäologen.




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