Der Transrapid muss kommen!


Ferieninsel Teneriffa mit dreimal höherer Verkehrsdichte als Industriestaat Deutschland

Normalerweise schreibe ich im „Wochenblatt“ nur über Konzertereignisse auf Teneriffa. Diesmal aber geht es mir um den „Transrapid Tenerife“, ein Verkehrsprojekt von „grundstürzender Wirkung“, nicht nur für das Leben der Menschen auf dieser Insel, falls es denn realisiert werden sollte.

Solches liegt nach der „Brüsseler EU-Erklärung“ vom 12. April nun im Bereich des Möglichen. Großenteils aufgeständert unmittelbar neben oder über die Autobahnen geführt, könnte in wenigen Jahren eine 120 Kilometer lange Transrapid-Strecke den Inselnorden ab Los Realejos mit dem Süden Teneriffas bis ­– zunächst – Adeje verbinden. Verkehrstechnisch wäre in dieser Kombination die Magnetschnellbahn „Transrapid Tenerife“ das Umweltfreundlichste, Preisgünstigste und Schnellste, was die Welt derzeit zu bieten hat.

Dass ein Kulturprojektentwickler sich dieses Themas hier annimmt, hat seinen Grund. Im Januar vergangenen Jahres saßen meine Freunde und ich mit dem Inselpräsidenten Ricardo Melchior zusammen und diskutierten das Projekt einer Freiluftarena für große Konzerte und Opern/Theater-Aufführungen im Süden Teneriffas. Der Berliner Großveranstalter und Teneriffafreund Mario Hempel (Classic Open Air Gendarmenmarkt, „Pyronale“ Maifeld/Olympiastadion) hatte aufgrund seiner Verbindungen nach Brüssel den Europa-Abgeordneten und Mitglied von Tourismus- und Verkehrs-Ausschüssen Joachim Zeller wegen möglicher EU-Finanzierungshilfen mitgebracht. Der Inselpräsident empfahl eine Anbindung der Arena an die geplante Eisenbahnstrecke, deren Planung jedoch mit vielen Problemen zu kämpfen habe, besonders wegen des enormen Flächenbedarfs. Wir sagten spontan: „Warum bauen Sie dann keinen Transrapid? Der ist so leicht und wendig, dass man ihn problemlos über die Autobahn bauen könnte.“ Dies war der Geburtsmoment der Idee des „Transrapid Tenerife“: Warum auf eine Technologie von 1835 (Nürnberg-Fürth) setzen, die wegen vieler Steigungen auf der Strecke mehr als 40 Kilometer Tunnel erfordert, die in den Felsengrund Teneriffas gesprengt und gebaggert werden müssen? Kosten und Bauzeiten noch jedes Tunnelprojektes auf den Vulkaninseln haben sich immer vervielfacht und sind seriös überhaupt nicht kalkulierbar. Warum nicht stattdessen eine Magnetschnellbahn bauen, technisch 150 Jahre moderner als das Rad-Schiene-System und diesem vielfach überlegen? Überlegen insbesondere auch aufgrund fast völlig entfallender Tunnelstrecken, denn der Transrapid hat eine fast dreimal höhere Steigungsfähigkeit als eine Eisenbahn, ist er kostenmäßig im Gegensatz zur Eisenbahn verlässlich kalkulierbar – und keineswegs teurer.

Trotz anfänglicher Skepsis des Inselpräsidenten und seiner Mitarbeiter wurde uns ein Empfehlungsbrief des Cabildos nach China mitgegeben, wo wir die Weiterentwicklung der deutschen Transrapid-Technologie vermuteten, die  während der Regierungszeit Rot-Grün unter Schröder/Fischer mit vier geplatzten Transrapid-Bauvorhaben politisch gescheitert war. Als Kulturveranstalter und Marketing-Fachleute hatten wir dieses wirtschaftliche Desaster einer in Jahrzehnten mit Milliardenaufwand betriebenen deutschen Hightech-Entwicklung nur noch am Rande verfolgt. Zwar hatten wir 1994 auch den heutigen deutschen Bundespräsidenten Christian Wulff und den verkehrspolitischen Sprecher der CDU-Bundestagsfraktion Dirk Fischer auf die Transrapid-Versuchsanlage im Emsland begleitet (beide sind heute noch überzeugte Anhänger der Magnetschnellbahntechnik). Nach dem „Kuhhandel“ Schröders, der zum Scheitern der Transrapid-Strecken in Deutschland führte, war uns die Lust daran vergangen. Kanzler Schröder hatte den Grünen die schon fertig geplante Transrapid-Verbindung Hamburg-Berlin als Gegenleistung zu deren Zustimmung zum Atomkonsens geopfert. Der unrühmliche Bahn-Chef Mehdorn, fest den geplanten Börsengang der DB im Blick, wollte letztlich keine Konkurrenz zu seinen Rad-Schiene-Projekten dulden. Gern übernahm er deshalb die Henkersrolle. Wie so oft in der Politik, spielten auch hier sachliche Gründe beim Scheitern des Transrapid in Deutschland keine Rolle. Zu dem neuen Anlauf, diesmal auf Teneriffa, ermutigte uns unter anderem, was man aus CDU-Kreisen und aus dem Bundesverkehrsministerium inzwischen hören konnte: „Die Magnetschnellbahn Transrapid ist eine zukunftsweisende Technik, von der einige sich bereits zu früh verabschiedet haben“.

Das Ergebnis unserer Reise nach China, wohin die rotgrüne Bundesregierung die Magnetschnellbahn-Technologie mehr oder weniger „entsorgt“ hatte, war für uns überraschend: Es gab immerhin noch ein deutsches mittelständisches Unternehmen, Max Bögl im fränkischen Neumarkt, welches unbeeindruckt von politischer Ranküne weiter an den Transrapid glaubte. Insbesondere hatte Max Bögl nach dem Bau des Fahrwegs in China  dessen Technik aus eigenen Mitteln wesentlich energiesparender weiter entwickelt. Auf der 30 km-Strecke Shanghai City-Flughafen schwebt der Transrapid seit 2003 zuverlässig und unfallfrei.

Schnell gründete sich aus der Runde um das Arena-Projekt auf Teneriffa nun eine Projektentwicklungsgruppe einiger deutscher „Mittelständler“. In dieser sitzen mittlerweile auch die unbestritten besten Magnetschnellbahn-Experten wie Prof. Peter Mnich vom Institut für Bahntechnik Berlin und Hans-Theo Kühr als Chef des bedeutendsten deutschen Planungsbüros Vössing Düsseldorf.  Entscheidend aber war, dass erstmals nicht ein Techniker sondern bewusst ein Promotor von kulturellen Großereignissen wie Mario Hempel zum Leiter dieser Gruppe berufen wurde. Die Komplexität eines Großprojekts wie dem „Transrapid Tenerife“ ist am besten von jemandem zu steuern, der ein „Generalist“ ist, und der nicht Techniker oder Fachmann im Einzelnen sein muss. Anders wäre das Ergebnis eines jetzt schon klar konturierten Projekts „Transrapid Tenerife“ in nur einem Jahr gar nicht möglich gewesen.

Nach einer Fahrt von Inselpräsident Ricardo Melchior und seinem Expertenteam auf der Transrapid-Versuchsstrecke im Emsland und nach Gesprächen in Deutschland mit zuständigen Ministerien und Fachleuten, konnte eine erste Machbarkeitsstudie in Auftrag gegeben werden. Deren positi­ves Resultat sowie die „Brüsseler Erklärung“ zum Projekt „Transrapid Tenerife“ liegen jetzt vor. Neben der spanischen Regierung sind Deutschland und die EU nunmehr geneigt, dem Projekt einer Magnetschnellbahn auf Teneriffa eine echte Chance zu geben.

Der Begriff „grundstürzende Veränderung“ des Transrapid für die Menschen auf Teneriffa ist hier angebracht: Das bisherige Verkehrssystem Teneriffas ist an die Grenze zum Absurden auf einer Ferieninsel angelangt. Auf dem spanischen Festland fahren statistisch 55 Autos pro Quadratkilometer Fläche. Im Industriestaat Deutschland sind es schon 112  Pkws. Auf Teneriffa jedoch drängeln sich 346 Pkws auf jedem Quadratkilometer (Quelle: Eurostat 2008). Das bedeutet: Die Ferieninsel Teneriffa hat eine sechsmal größere Verkehrsdichte als das spanische Festland und eine mehr als dreimal höhere Verkehrsdichte als Deutschland! Wer zu den Berufszeiten von Puerto de la Cruz nach Santa Cruz fährt, benötigt für die kurze Strecke in der Regel eine ganze Stunde, das Doppelte wie normalerweise. Solches lässt sich auch mit Spurausweitungen praktisch kaum verbessern, Versuche mit Sonderspuren für Busse haben wenig erbracht, denn die Mehrheit ist nicht gewillt, auf die wenig attraktiven Busse umzu­steigen. Das alte System ist längst an seine Grenzen gestoßen und muss daher „grund­stürzend“ geändert werden. Eine Rad-Schiene-Bahn wird es aus Umwelt- und Kostengründen niemals geben. Die wirklichen Kosten des Eisenbahnprojekts, die in der Presse immer schöngerechnet wurden, liegen uns vor. Besonders die zu erwartenden Mehrkosten für 40 Kilometer Tunnelstrecke sind aufgrund der vulkanischen Geologie praktisch unkalkulierbar. Wenn Teneriffa die realistische Chance auf den Transrapid jetzt nicht nutzt, dann bleibt für die nächsten 30 Jahre alles so wie es ist, mit allen damit verbundenen verkehrstechnischen Horrorszenarien für die Zukunft.

Als Kulturprojektentwickler behalten meine Freunde und ich unsere Ausgangsidee der Freiluftarena Teneriffa fest im Blick. Als Kolumnist des „Wochenblatt“ möchte ich nach Fertigstellung der Transrapid-Strecke – möglich schon in einigen Jahren – gern zu großen Konzert- und Opernprojekten berichten. Die Fahrwegbauer der 120 km langen Transrapid-Strecke sollten als Sponsoren dafür bereitstehen. Alle Menschen auf Teneriffa werden am Transrapid ihren Nutzen haben, denn der Verkehr ist der Blutkreislauf des Wirtschaftslebens. Ein gut entwickeltes Verkehrswesen entwickelt auch alle anderen Wirtschaftszweige und Bereiche des öffentlichen Lebens entscheidend weiter. Auch das Bildungs- und Gesundheitswesen wird davon partizipieren, vom Aufschwung des Tourismus und der völlig neuen Erlebniswelt einer wieder umweltfreundlichen Ferieninsel Teneriffa ganz zu schweigen.

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