Den Unterricht mal sausen lassen


© Moisés Pérez

Am 13. November machen sich die Schüler aus dem Staub

Auf den 13. November freuen sich die Schüler auf Teneriffa. Zum Glück fällt er nicht auf einen Samstag oder Sonntag, denn sonst wäre das Vergnügen hin! An diesem Tag nämlich wird San Diego – der Heilige Jakob – gefeiert, und das bedeutet für die Oberstufenschüler und Universitätsstudenten, dass der Unterricht geschwänzt wird.

Seit vielen Jahren wird auf Teneriffa die eigentümliche Tradition gepflegt, die mittlerweile auch auf anderen Kanareninseln gerne übernommen wurde. Am 13. November findet die „Fuga de San Diego“ statt, also das Unterrichtsschwänzen zu Ehren des Heiligen Jakob.

Ein direkter Zusammenhang zwischen dem Heiligenfest und dem Schulschwänzen besteht nicht, und kein Schüler oder Student kann heute erklären, wie dieser Tag entstanden ist. Trotzdem machen natürlich alle gerne mit. An der Tür zum Klassenzimmer hängt ein Schild: „Heute fällt der Unterricht aus. Gezeichnet: die Schülerschaft“.

Die meisten Lehrer und Schuldirektoren haben sich mit ihrem Schicksal an diesem Tag abgefunden. Dafür tummeln sich die Schüler statt in den Klassenzimmern und Vorlesungssälen in den Stadtparks und auf den Grillplätzen. Denn an diesem „Tag des Schwänzens“ ist es zumindest im Norden Teneriffas Tradition, dass die Schüler zum Grillen in die Berge fahren. Ein besonders beliebter und am 13. November demzufolge meist überlaufener Ort ist die Caldera.

Leider hat die Euphorie der Schüler in den letzten Jahren immer mehr Überhand genommen. In einigen Ortsteilen von Santa Cruz finden wahre Eier-Schlachten auf den Straßen statt. Autofahrer sollten demnach die Fenster nach Möglichkeit geschlossen halten.

Allerdings gehört das Eierwerfen nicht unbedingt zum „Día de la Fuga“, sondern wurde von den Schülern irgendwann eingeführt. In den vergangenen Jahren wurde vermehrt auch Vandalismus registriert, und die Polizei bittet alle Schulschwänzer um ein verantwortungsbewusstes Verhalten.

Die Geschichte,

die dahinter steckt

Heute weiß kaum einer mehr so recht, wie und wann der „Día de la Fuga“ entstand. Anscheinend geht die Tradition dieses Tages auf die 20er Jahre zurück. Die Festlichkeiten zu Ehren von San Diego waren in La Laguna sehr beliebt. In einer kleinen Kapelle außerhalb der Stadt (heute in Privatbesitz) fand eine feierliche Messe statt, und zu Ehren des Heiligen wurde ein Feuerwerk gezündet.

Zunächst gab es keinen Zusammenhang zwischen diesem Fest und den Studenten. Doch zwischen 1919 und 1921 soll ein neuer Professor in der Oberschule Instituto de Canarias in La Laguna angestellt worden sein. Der verbot seinen Schülern die Teilnahme an dem beliebten Fest. Doch die Schüler setzten sich über das Verbot hinweg, schwänzten kurzerhand den Unterricht und ließen sich so die Fiestas nicht entgehen.

So verwandelte sich der Día de San Diego in den Día de la Fuga. Irgendwann im Laufe der Jahre wurden dann die Feierlichkeiten zu diesem Tag abgeschafft, was jedoch die Schüler und Studenten nicht daran hinderte, weiterhin ihren eigenen Día de San Diego zu feiern. 

Heute nutzen Unistudenten die Gelegenheit des 13. November teilweise, um eine ganze Woche blau zu machen, was sich in diesem Jahr allerdings eher weniger anbietet, da der 13. auf einen Montag fällt.

Die alten Regeln

Früher war der „Dia de la Fuga“ an allen Schulen ein prächtiges Abenteuer für die Schüler.

Da ging es nämlich nicht etwa darum, dem Unterricht einfach fernzubleiben, sondern regulär zur Schule zu kommen, um dann irgendwann abzuhauen. So beispielsweise mitten im Unterricht durchs offene Klassenfenster, vorausgesetzt, der Raum lag im Erdgeschoss, während der Lehrer wütend versuchte, der Flucht Einhalt zu gebieten. Auch der Ärger der Lehrer gehörte nämlich unabdingbar zur Freude des Tages.

In der Pause vom Schulhof zu verschwinden, über Mauern und Tore zu klettern oder an einer wild mit den Armen fuchtelnden Aufsichtsperson vorbei die Flucht antreten: Das waren dann Heldentaten, die sich die Schüler in zerrissenen Hosen stolz am vorher verabredeten Treffpunkt erzählten, den längst nicht immer alle erreichten.

Obwohl es auch schon immer Lehrer gegeben hat, die angesichts ihrer auf drei oder vier geschrumpften Schülerzahl dann nach der Pause seufzten: „Na, dann geht ihr auch mal…“

Was dann allerdings trotzdem für die solcherart Entlassenen ein regelrechter Misserfolg war.

Heute ist der schöne Brauch an vielen Institutionen verwässert. Man bleibt halt einfach weg. Schade: „La Fuga“, das heisst auf Deutsch „die Flucht“, und genau darum ging es eben früher. Der freie Tag war dann die Belohnung für die gelungene Flucht, aber nicht etwa einfach „schulfrei“ oder „vorlesungsfrei“.

Im letzten Jahr blieben 70% aller Schüler der Provinz Santa Cruz de Tenerife (Grundschüler ausgenommen) dem Unterricht fern. Auf allen Kanareninseln waren es insgesamt über 37.000 Schüler.




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