„Das Leben wird vorwärts gelebt und rückwärts verstanden“ Sören Kierkegaard (1813-1855)


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„Lichtblicke“ der deutschen Seelsorger auf Teneriffa – diesmal von Pfarrer Wolfgang Gerth, Evangelische Gemeinde Teneriffa Nord

Die ersten Wochen des neuen Jahres haben wir schon hinter uns. Die Prognosen sind nicht nur zum Wärmen. Sie schwanken zwischen Angst und Optimismus, zwischen Sorgen und Erwartungen.

Wir bewegen uns wie immer zwischen Loslassen des Vertrauten und Aufbrechen in das unbekannte Land. Was wird das neue Jahr noch alles bringen? Für uns als Gemeinde? Und was bedeutet das für jeden Einzelnen persönlich?  Gutes oder Bedrückendes, nichts Neues oder erschreckend Neues? Krankheit, gar Verlust der Lieben, Angst um das Kind, das weit weg lebt und unglücklich ist? Werden wir durchhalten können im Vertrauen auf die Güte des Lebens? Wünsche dürfen an den Himmel gemalt werden, Wünsche, die die Sprache des Betens suchen.

Vorsätze – ach nein, die lassen wir lieber weg. Wir kennen uns doch. Die gehören eher auf die Seite der Vergeblichkeiten. Aber unsicher ist der Boden schon, auf dem wir heute gehen. Wir spüren, dass wir verletzlich sind. Wir sind immer gefährdet. „Was ist unser Leben?“ Wir kennen unsere Grenzen und begrenzten Kräfte. Wir haben gelernt, von Illusionen über uns selbst Abschied zu nehmen. Wir müssen uns aushalten. Das ist oft anstrengend. Wir sind nicht perfekt. Wir leben mit Halbheiten. Wir sind nicht die strahlenden Sieger und Gewinner des Lebens. Wir schleppen die Brüche und Wunden unseres Lebens mit uns und haben sie mit in das Jahr 2016 getragen. Wir tragen daran. 

„Was ist euer Leben?“ fragt der Jakobusbrief und gibt die Antwort: „Ein Rauch seid ihr, der eine kleine Zeit bleibt und dann verschwindet.“ (Jak 4,14). Wir sind endlich. Oder wie der Dichter sagt: „Heute starb der Ferdinand / morgen stirbt Klaus Peter / übermorgen trifft es Max / nur ich sterbe später“ (Robert Gernhardt: Hier spricht der Dichter, S. 121). Auch hier gilt also: Was im Allgemeinen keiner bestreiten würde: Meine eigene Lebenszeit ist befristet und damit knapp. Und was knapp ist, ist kostbar. Und wir sind bedürftig. Und wir tun auch nicht so, als gäbe es das alles nicht, Ängste und Sorgen, Versagen und Fehlschläge und Schicksalsschläge.

Und genauso realistisch ist es, zu sagen: „Wenn der Herr will! So werden wir leben und dies oder das tun.“ (Jak 4,15). Das sagte man früher häufiger als heute, einige ständig. Meine Mutter pflegte das zu sagen, sie fügte es hintenan, wenn es um einen Termin, einen Besuch, ein Wiedersehen ging: So Gott will und wir leben…Ich empfand das damals schon als Kind eine angemessene Zeitansage und habe mir diese später auch zu eigen gemacht. Oft zur Verblüffung meiner vielen nichtchristlichen Freunde.

Die Älteren unter uns werden sich noch erinnern: S. c. J. konnte man früher unter Briefen als deren Abschluss lesen. Das ist die Abkürzung für die sprichwörtlich gewordene Redewendung „sub conditio Jacobaea“, unter der Bedingung, unter dem Vorbehalt des Jakobus. Gemeint ist eben jener Vers „Wenn der Herr will, werden wir leben und auch dies oder das tun.“ Die Unverfügbarkeit der Zukunft und die Endlichkeit des eigenen Lebens gewinnen hier eine besondere Färbung. Nicht ein blindes Schicksal teilt mir den morgigen Tag und das Ende meines Lebens zu, sondern der Herr. Aus seiner Hand nehme ich Tag um Tag. Jeder Tag, der kommen wird, ist sein Geschenk. Er will, dass ich lebe, und er will, dass seine Güte durch mich Gestalt gewinnt.

Und so ist auch für das Jahr 2016 Ermutigung gefragt. Gott spricht: „Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet“, so lautet die Jahreslosung für 2016 aus dem Prophetenbuch Jesaja (Jes.66,13).  Schöner kann man das gar nicht sagen als mit solch mitfühlenden tröstlichen Worten. Hier spürt und weiß jemand, dass die Welt oft Angst macht, dass Menschen erschrecken vor dem, was geschieht und was sie selbst oft anrichten.

Trost brauchen nicht nur kleine Kinder. Auch Jesus brauchte ihn. Später wird er seinen Jüngern sagen: „Euer Herz erschrecke nicht, glaubt an Gott und glaubt an mich“ (Joh 14,1). Auch an seinem Wegrand siedeln Dunkel und Verzweiflung. Nichts wird ausbleiben, weder die Gottesfinsternis noch die Eiseskälte in der Seele. Darauf möchte er die Seinen vorbereiten. Er weiß wie notwendig Zuspruch ist.

„Der Platz Gottes in meiner Seele ist leer….in mir ist kein Gott. Er will mich nicht.“ So liest sich das erschrockene Herz im Tagebuch einer Frau, deren Einsatz für die Ärmsten der Armen ihr 1979 den Nobelpreis einbrachte. Tag für Tag tauchte die albanische Nonne Mutter Teresa (1910-1997) in das schlimmste Elend der Welt ein. „Ich werde im Himmel fehlen, um für jene ein Licht anzuzünden, die in der Dunkelheit dieser Erde leben müssen.“ Immer wieder muss sie Gott neu aus dem Kehricht bergen. Immer wieder stochert sie sich durch die dunkle Nacht des Glaubens. Gott wohnt ganz unten, wenn sie sterbende, weggeworfene Säuglinge aus der Gosse von Kalkutta heraussammelt. Erschreckt notiert sie: „Himmel, Seele, warum sind das nur Worte, die mir nichts bedeuten?“

Auch wenn Gott, wie so oft, monatelang schweigt, bleibt sie trotzig: „Ich werde dein verborgenes Gesicht anlächeln.“                                                                               Beim Lesen solcher Aufzeichnungen wird selbst das Papier ungeduldig. 

Glaube lässt sich nur durch Leben lernen. Der schweigende Gott fängt immer ganz unten an. Schweigend liebt er sich an gläsernen Palästen und Börsenkursen vorbei, schweigend ermuntert er die Seinen, schweigend, unbekannt, namenlos und unerwartet schenkt er ihnen die Kraft, die sie brauchen.

Glauben heißt so auch im begonnenen neuen Jahr nichts weniger als „den anderen ein Christus werden“, Gott aufleuchten zu lassen und inmitten aller Krisen für die Gestaltung unseres menschlichen Miteinanders einzutreten: In den kleinen Begegnungen und Gesten, einer Ermunterung, einem Lächeln, im Brotbrechen, den anderen in Schutz nehmen, oder im sich Einsetzen für die Menschen, die immer noch nicht genug zu essen haben und das nicht nur wegen des Klimawandels, kein sauberes Trinkwasser und kein sicheres Dach über dem Kopf haben. Es verändert die Welt. Es vertreibt die Angst und schenkt uns eine große Hoffnung.

Die mütterliche Treue Gottes spannt sich wie ein Regenbogen von der alttestamentlichen Trostbotschaft bis hin an das Ende aller Tage, wenn es heißt: „Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen. Und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden sein Volk sein, und er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein; und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen…“

Unter diesem Regenbogen dürfen wir leben. S.c.J. 2016.

Wolfgang Gerth

Evangelische Kirche

Gemeinde Teneriffa Nord




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