Das Geschenk eines Königs


© Moisés Pérez

Die erstaunliche Geschichte um den Bau der Brücke zwischen Santa Úrsula und La Victoria

Oftmals erinnern Monumente und Bauwerke an die Geschichte von Menschen, von Orten oder gar von Nationen. Durch eine solche historische Konstruktion konnten zwei Gemeinden im Norden der Insel, Santa Úrsula und La Victoria, eine gemeinsame Seite ihrer Geschichte schreiben. Der Bau einer Brücke bedeutete seinerzeit für die beiden vom Barranco Hondo (wörtlich: tiefe Schlucht) getrennten Dörfer einen großen Fortschritt.

Der ehemalige Bürgermeister von La Victoria, Alfonso Hernández García, berichtet in seinem Buch „Geschichte einer Brücke“ von einer ebenso erstaunlichen wie wahren Begebenheit, die zum Bau dieser bis heute besonderen Brücke führte: 

Im Jahr 1906 besuchte König Alfons XIII. als erster spanischer König Teneriffa. Die Inseln waren damals ein von Spanien vernachlässigtes Gebiet, und der Besuch des Monarchen – dessen Ansehen und Popularität durch den kubanischen Unabhängigkeitskrieg stark gelitten hatte – war eine Geste bzw. Reaktion auf die Kritik und die aufkeimenden Proteste des kanarischen Volkes. Bei seiner Ankunft in Santa Cruz am 26. März wurde der spanische König von einer Menschenmenge empfangen.

Zwei Tage danach unternahm der König einen Ausflug in den Inselnorden. Entlang der Wegstrecke hatten die Bürger sich aufgestellt, um einen Blick auf den König zu erhaschen, und an verschiedenen Orten waren mit Blumen geschmückte Bögen aufgestellt worden. An einem solchen Bogen kam König Alfons XIII. auch bei La Victoria vorbei. Hier hatten die Bürger eine ganz besondere Überraschung für ihn vorbereitet, von der die Zeitung „La Época“ berichtet. Unmittelbar vor der Dorfgrenze zwischen La Victoria und Santa Úrsula soll dieser Bogen gestanden haben, und kurz bevor der König und sein Gefolge unter dem Bogen hindurchfuhren, „schwebte“ ein Korb auf die Straße herab. Aus dem Geflecht stieg ein kleines, als Engel verkleidetes Mädchen. Das Kind namens Ana ging auf den Monarchen zu und überreichte ihm ein Schreiben der Bürgermeister beider Gemeinden, in dem sie um den Bau einer Brücke über den „Barranco Hondo“ baten. Die Brücke sollte den Bewohnern der Gemeinden den langen Weg zwischen beiden Orten verkürzen. Der König soll das Schreiben lächelnd entgegengenommen haben.

Nur wenige Tage später unterzeichnete der König ein Dekret und ordnete damit den Bau einer Brücke über die Schlucht an. 

Der in einer Rekordzeit von nur drei Jahren vollendete Bau bedeutete damals einen technischen, historischen und sozialen Meilenstein in der Geschichte der Insel. Das Viadukt wurde als eine der ersten Stahlbetonkonstruktionen in Spanien gebaut, nachdem dieses Material erst einige Jahre vorher (1892) von François Hennebique in Frankreich patentiert worden war.

Knapp drei Jahre nach dem königlichen Besuch konnte die Brücke eingeweiht werden. Experten bezeichnen das Viadukt von Barranco Hondo bis heute als ein außerordentliches, avantgardistisches Bauwerk. 

Das Projekt wurde bei Bauingenieur José Eugenio Rivera in Auftrag gegeben, der durch den Bau eines einzigen großen Brückenbogens zu verhindern suchte, dass die Konstruktion durch den porösen Lavaboden und die Unebenheiten der Schlucht absackt. Die Größenordnung der Brücke –  83 Meter lang, fünf Meter breit und an der tiefsten Stelle der Schlucht gut 32 Meter hoch – waren seinerzeit eine große Herausforderung. Die Baukosten betrugen 124.448 Peseten und die Bauart wurde nach dem Ingenieur Rivera benannt.

Nach über hundert Jahren befindet sich die Brücke weiterhin in perfektem Zustand.

Schattenseite des Bauwerks

Manuel Correa, ehemaliger Bürgermeister von La Victoria, schreibt in seinem Rückblick auf die Geschichte des Ortes: „Seit ihren Anfängen ist diese Brücke trauriger Zeuge von Selbstmorden geworden“ und deckt mit über zwanzig Stürzen in den Tod die traurige Statistik dieser Schattenseite des Bauwerkes auf.

Nur drei Jahre nach der Fertigstellung, 1911, stürzte sich der erste Mensch von dem Viadukt.

Zwischenmenschliche Konflikte, Mittellosigkeit, Krankheiten oder Liebeskummer schreiben die Lebensgeschichten der Menschen, die auf der Brücke Abschied vom Leben nahmen.

Erst vor Kurzem, am 28. Juni dieses Jahres, wurde die Brücke erneut stummer Zeuge eines Selbstmordes. Ein Mann stürzte sich in den Tod. Sein Leichnam musste von der Feuerwehr geborgen werden.




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