Dank und Danke


Gedanken für mich ­– Augenblicke für Gott

Es ist noch gar nicht so lange her, da ist mir mitten in einem Supermarkt eine Mutter mit ihrem Kind aufgefallen. Sie war mit ihm beim Einkaufen und plötzlich fing diese noch recht junge Mutter damit an, in aller Öffentlichkeit ihrem Kind beizubringen, wie man betet.

Ja, Sie haben ganz richtig gelesen. Da stand diese Mutter mit dem Kind an der Kasse und hat bezahlt. Die Verkäuferin beugte sich plötzlich herunter, lächelte die Kleine an und gab ihr einen Lutscher. Dann war es einen Augenblick still. Fast mucksmäuschen still. Und dann fing die Mutter an und mahnte das Kind ganz eindringlich: „Was haben wir vereinbart? Wie sagt man, wenn man etwas geschenkt bekommt?“

Haben Sie es bemerkt? Da steht diese Mutter mitten in einem Geschäft und fängt an, ihrem Kind beizubringen, wie man betet. Ihnen ist wirklich immer noch nichts Außergewöhnliches aufgefallen? Ich vermute mal, dass die Mutter es wahrscheinlich selbst nicht so richtig bemerkt hat, dass sie da etwas ganz Besonderes getan haben soll. Aber überlegen Sie doch selbst bitte noch einmal, was denn da an der Kasse eigentlich passiert ist: „Wie sagt man, wenn man etwas geschenkt bekommt?“ – „Danke!“ Das war die Antwort, die das Kind gegeben und welche die Mutter erwartet hat. 

Ja, ganz unmissverständlich hat die Mutter die Kleine dazu aufgefordert, „Danke“ zu sagen. Sie hat ihr zu verstehen gegeben, dass das jetzt eben nichts Normales war, was da gerade passiert ist. „Du hast jetzt etwas bekommen, und kannst nicht so tun, als sei das selbstverständlich. Du kannst dir doch nicht einbilden, dass du das verdient hättest.“ „Wie sagt man….?“ – „Danke!“

Ohne es vielleicht zu wissen, hat die Mutter damit begonnen, dem Kind beizubringen, wie man betet. Sicher, sie hat ja letztlich nur dem Kind klar gemacht, „Danke“ zu sagen; aber „Danke“-Sagen, das ist der Anfang vom Beten. Wer dankt, der denkt nämlich daran, dass wir vieles ganz einfach bekommen, ohne dass wir auch nur im Geringsten etwas dafür tun. Wer dankt, der denkt daran, dass kaum etwas selbstverständlich ist – angefangen von Menschen, die mir begegnen und die mir wichtig sind, über Talente und Fähigkeiten bis hin zu der Tatsache, dass ich überhaupt auf der Welt bin. Danken heißt, daran zu denken, dass ich ungeheuer viel erhalte, ohne es verdient zu haben; heißt daran zu denken, dass es jemanden gibt, von dem ich all dies bekomme und der all dies für mich tut. So danken heißt im Letzten daran zu denken, dass es einen Gott gibt, der für mich sorgt. Ein genau solches Danken aber, das ist der Anfang vom Beten.

Ich glaube schon, dass, wer nie gelernt hat „Danke“ zu sagen, auch nur schwerlich in der Lage sein wird, beten zu können. Wer immer nur nach der Parole lebt: „Mir hat noch nie jemand helfen müssen! Auf dieser Welt bekommt man eh‘ nichts geschenkt!“ und wer sein Leben genau danach ausrichtet, ja woher soll denn ein solcher Mensch das Vertrauen in einen Gott nehmen, der mir beisteht, der mein Leben begleitet und der mich unverdientermaßen zum Ziel führt? Wer nicht zu danken gelernt hat; wer nicht gelernt hat, daran zu denken, dass es einen Gott gibt, der es gut mit mir meint, ja wie soll denn ein solcher Mensch zum Beten kommen? „Danke“-Sagen, das ist immer der Anfang vom Beten.

Nur – besonders leicht scheint dieses „Danke“ nicht von der Hand zu gehen – und das geht nicht nur Kindern so, die einen Lutscher bekommen. Wenn alles wieder einmal so läuft, wie wir uns das vorgestellt haben; wenn das Essen für den Besuch mal wieder gelingt, wie es besser nicht sein könnte oder die Arbeit einem ganz locker von der Hand geht oder das Privatleben nichts zu wünschen übrig lässt, dann klopfen wir uns – so denke ich mal – ganz gern auf die eigene Schulter und es ist urplötzlich vergessen, dass so vieles zum Gelingen beigetragen hat, für das wir nichts können – ja, für das wir nur danken, „Dank“-Sagen können.

Deshalb würde ich mir mitunter wünschen, dass da jemand – so wie diese Mutter in jenem Geschäft – hinter mir steht, der mich daran erinnert, „Danke“ zu sagen. Gerade deshalb ist für mich auch der Erntedanktag so wichtig. Denn Erntedank ist ja nicht nur das große Fest für die Landwirte. Nein, dieser Tag und dieses Fest möchten uns vielmehr darauf aufmerksam machen, an all die Dinge zu denken, die wir in den vergangenen Monaten geschenkt bekommen haben. Erntedank will darauf aufmerksam machen, an all das zu denken, was Gott für uns Gutes getan hat und immer wieder aufs Neue für uns tut! Daran zu denken – und dafür zu danken! Denn „Danke“-Sagen, das ist der Anfang vom Beten.

Ihr

Bertram Bolz, Diakon

Kath. Touristen- und

Residentenseelsorger

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