Botschaft für den Alltag


Gedanken für mich – Augenblicke für Gott

Wenn wir in den Kalender schauen stellen wir fest, dass mit dem Dreikönigstag auch in der Kirche der Alltag wieder Einzug hält. Weihnachten ist vorbei. In der kath. Kirche beginnen die Sonntage im Jahreskreis und in der evangelischen die Sonntage nach Epiphanias, eben nach Dreikönig.

Die Weihnachtslieder verstummen; Weihnachtsbäume und Krippen werden abgeräumt. Aber: Das ist nicht überall so. In manchen Gemeinden hält man an der alten Tradition fest, dass der Weihnachtsfestkreis bis Anfang Februar dauert. Irgendwie ist das ja auch verständlich. Wenn man überlegt, wie viel Mühe es gemacht hat, alles aufzubauen und aufzustellen – da ist es doch nur logisch und menschlich zugleich, dass man diese Dinge eben auch möglichst lange stehen lassen will. Auf diese Weise rettet man wenigstens ein bisschen von Weihnachten hinüber in die ersten Sonntage des Jahreskreises – hinüber in den Alltag. Doch geht das überhaupt: Weihnachten hinüberretten in den Alltag? Was von Weihnachten taugt denn wirklich für unseren Alltag?

Das Weihnachtsessen sicherlich nicht. Jeden Tag ein Festtagsmenü – das führt nicht nur zu Gewichtsproblemen, sondern schmeckt auf Dauer doch auch ziemlich fad. Es ist sicherlich auch nicht die Ruhe und Stille, die uns an diesen Tagen besonders heimsucht, wenn dann mal die Geschäfte geschlossen haben und die Straßen leerer werden. Sicherlich: Diese Ruhe hat etwas besonderes an sich, aber für alltagstauglich halte ich sie nicht, denn die meisten jungen Leute können sie doch schon am Abend nach der Bescherung kaum mehr ertragen und flüchten ab in die Disco.

Und die vollen Gottesdiens­te? Ich streite gar nicht ab, dass das sehr viel Spaß und Freude macht, mit so vielen Menschen die Gottesdienste zu feiern – keine Frage. Aber meine Erfahrung lehrt, dass sich diese „Fülle“ und „Masse“ nicht in das normale Kirchenjahr hinüberretten lässt. Jeden Sonntag „Hochamt“, Chor oder Bläsergruppe, ein Krippenspiel und der Raum immer besonders geschmückt – nein, das ist Feiertag aber nicht Alltag. Deshalb meine ich, das was von Weihnachten wirklich für den Alltag taugt, das ist „nur“ die Botschaft selbst. Diese Botschaft, die da ganz lapidar heißt: Gott wird Mensch in einem Stall, in einem kleinen Kind armer Leute. Gott kommt zu uns; wir sind ihm nicht egal, sondern liegen ihm im wahrsten Sinne des Wortes am Herzen. Das ist nun weiß Gott keine alltägliche Botschaft, aber es ist eine Botschaft für den Alltag – eine Botschaft nicht nur für Feiertage, sondern für jeden banalen Werktag meines Lebens.

Wenn Gott Mensch wird, dann adelt das nämlich uns Menschen. Es macht deutlich, dass in jeder und jedem von uns eben auch ein Funke Go­t­tes steckt, etwas Heiliges, etwas vor dem man Achtung, Respekt und Ehrfurcht haben sollte. Schon im Schöpfungsbericht ist doch ausgesagt, dass der Mensch das Ebenbild Gottes ist. Und das, was dann im Stall zu Bethlehem passiert ist, das führt genau diese Aussage weiter. Gott wird Mensch mit Haut und Haar, nicht nur „ähnlich“. Nein, dieser Gott wird Mensch in einem kleinen, unscheinbaren Kind, in einem Stall ohne Pracht und Herrlichkeit. Für mich heißt das: Das Göttliche im Menschen ist nicht an Macht, Größe oder Ansehen gebunden; es kommt vielmehr auch dem kleinsten und unscheinbarsten Menschen zu. Für meinen Alltag macht mir dies Mut und es fordert mich gleichzeitig heraus. Mut macht es mir, weil ich eben nicht der Schönste, Größte und Beste bin; Mut macht es mir, wenn mir vieles nicht gelingt und ich mein Leben mal wieder nicht so recht auf die Reihe bekomme. Ich bin und bleibe das Ebenbild Gottes, denn der Funke Gottes in mir ist unauslöschbar. Und herausgefordert bin ich mit dieser Botschaft, weil der Funke Gottes eben auch in jedem Mitmenschen steckt. Nicht nur in denen, die mir sympathisch sind, die ich vielleicht verehre und bewundere. Das heißt: Ich habe allen meinen Mitmenschen mit Respekt und Achtung, ja mit Ehrfurcht zu begegnen. Eine solche Haltung verändert aber meinen Alltag. Meine alltäglichen Begegnungen, meine Beziehungen zu meinen Mitmenschen, sie alle bekommen eine andere Qualität, werden geheiligt. Spüren Sie was?

Weihnachten heißt: Gott wird Mensch. Dadurch wird aber nicht nur der Mensch göttlicher, sondern auch Gott menschlicher. Weil Gott es will, nähern sich Gott und Mensch an. Das ist das Besondere und Einzigartige am christlichen Gottesbild. Gott bleibt nicht Gott, sondern wird Mensch. Er verlässt den Himmel und wird ein Erdenbürger. Unsere üblichen Gottesvorstellungen werden damit „ver-rückt“. Denn dieser Gott ist nicht nur groß, erhaben und allmächtig, sondern gleichzeitig auch klein, nahe und ohnmächtig. Er begibt sich auf Augenhöhe mit uns Menschen, bietet uns sozusagen das „Du“ an. Auch dies bedeutet Ermutigung und Herausforderung. Denn wer mit Gott auf „Du“ steht, der erfährt eben auch: Gott lässt mich nicht hängen, aber er

lässt mich auch nicht in Ruhe. Eben ein Gott für jeden Tag.

Ihr

Bertram Bolz, Diakon

Kath. Touristen- und

Residentenseelsorger

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