Bertram Bolz: „Wunder finden immer im stillen Bereich statt“


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Interview mit dem Diakon Bolz, katholischer Touristen- und Residentenseelsorger

Immer wieder tauchen in den Medien Berichte über Menschen auf, die über außergewöhnliche Heilkräfte verfügen. Zahllose Menschen begeben sich hoffnungsvoll in die Hände von sogenannten Heilern, geben dafür oft die medizinische Behandlung von schweren Krankheiten auf. In den allermeis­ten Fällen ist die Hoffnung auf Wunderheilung allerdings vergeblich.

Die Zeitschrift „P.M. Welt des Wissens“ schreibt im Juni 2004 zum Thema „Wunderbare Heilungen“, dass es ganz offensichtlich drei Arten von Überlebensstrategien sind, die zum Erfolg führen: die Kämpfer, die Gottesgläubigen und die „Umsteiger“, die ihr Leben radikal ändern.   

Da sich Teneriffa in den alternativen Insider- und Esoteriker-Kreisen seit Jahren immer stärker den Ruf erwirbt, ein besonders heilkräftiges und energiestarkes Potenzial zu besitzen, ist das Wochenblatt der Frage nachgegangen.

Es gibt viele Dinge zwischen Himmel und Erde, die der Mensch sich nicht erklären kann. Andreas Englisch hat in seinem Buch „Gottes Spuren“ als langjähriger Vatikan-Journalist „die Wunder der katholischen Kirche“ kritisch unter die Lupe genommen und ist zu dem Schluss gekommen, dass es tatsächlich Dinge gibt, die bei aller religiöser Skepsis für unseren Verstand nicht fass­bar sind.

Da in seinem Bestseller natürlich auch oft die Rede von Wunderheilungen ist, von außergewöhnlichen Menschen, die Heilkraft in sich tragen und/oder sich als „Gottes Kanal“ bezeichnen, möchten wir in diesem Kapitel unserer Serie auch Teneriffas deutschen katholischen Seelsorger, Diakon Bertram Bolz, zu Wort kommen lassen.

Wochenblatt: Die Kirche hat einige Marienerscheinungen – Mexiko, Fátima, Lourdes, Tschenstochau – für echt erklärt. Gibt es eigentlich von der Kirche anerkannte Jesus-Erscheinungen nach der Himmelfahrt?

Bertram Bolz: Nein, eigentlich nicht. Es gibt Menschen, denen Jesus im Traum erschienen ist, aber Jesuserscheinungen in dem Sinne sind mir nicht bekannt. Dem 1947 heiliggesprochenen Schweizer Niklaus v.d. Flüe (Bruder Klaus, 1417-1487) soll Jesus allerdings erschienen sein. Eigentlich ist aber immer von Marienerscheinungen die Rede, die dann wohl auch zuweilen ermahnt hat, zu Jesus und zum Herzen Jesu zu beten. Aber reine Jesuserscheinungen sind mir nicht geläufig. Die Erscheinungen des Herzens Jesu sind wohl eher Eingebungen, die Menschen gehabt haben, meist auch mit Maria als Vermittlerin, aber eigentlich immer in Verbindung mit Schuld, Sühne und Ablass.

WB: Ist Ihnen bekannt, dass in christlich orientierten spirituellen Kreisen Teneriffa als Ort berühmt ist, an dem häufig Jesus-Erscheinungen stattfinden?

Bertram Bolz: Nein. Mir ist aber sehr wohl bekannt, dass Teneriffa von vielen und auch obskuren Sekten ausgewählt wird. Speziell der Teide ist für viele dieser Gruppen ein wahnsinniger Anziehungspunkt. Das ist jedoch mit einem fundierten Glauben an Jesus Christus nicht vereinbar. Natürlich ist auch auf Teneriffa immer eine innere Begegnungsmöglichkeit mit Jesus gegeben. Vielleicht bietet Teneriffa sogar durch die hier vorhandene, für den Fremden ungewöhnliche Natur eine neue Möglichkeit, sich zu öffnen und mit dem Glauben auseinanderzusetzen, weil es hier eben „anders“ und nicht alltäglich ist. Eine Jesus-Beziehung aufzubauen, ist an jedem Ort möglich und richtig, das ist nicht von Teneriffa abhängig. Ich persönlich habe mich ihm in Wendelsheim bei Rottenburg genauso nahe gefühlt wie hier auf Teneriffa.

WB: Sind Ihnen Menschen persönlich bekannt, die der festen Überzeugung sind, Marien- oder Jesus-Erscheinungen erlebt zu haben?

Bertram Bolz: Persönlich nicht, nein.

Heilungsgeschichten sind individuelle Geschichten

WB: Was ist Ihre Meinung zum Thema Wunderheilungen?

Bertram Bolz: Wunder kann es dergestalt geben, dass Menschen auf eine uns nicht erklärbare Weise von ihrer Krankheit geheilt werden können, das glaube ich schon. Ich könnte jetzt aber nicht sagen, das läuft nach diesem oder jenem Prinzip ab. Heilungsgeschichten sind individuelle Geschichten. Als rationeller, aber durchaus auch emotionaler Mensch halte ich mich an das, was in der Bibel dazu berichtet wird. Da gibt es Wunder ganz unterschiedlicher Art. Es wird berichtet von der Heilung von Lahmen, Blinden, Tauben, Leprakranken – bis hin zur Erweckung des Lazarus von den Toten. Durch diese überlieferten Geschichten wird uns etwas ganz Besonderes vermittelt, nämlich eine ganz besondere Beziehung zu den Kranken im Moment der Heilung, ein tiefes inneres Vertrauen der Kranken in dem Moment, in dem sie sich auf Jesus eingelassen haben. Es geschah eine Verwandlung in den Menschen.

Ich habe kein Problem mit dem Begriff Wunder. Ich glaube an das Wunder, dass ein schwerkranker Mensch sich intensiv Jesus zuwendet, muss das aber mit dem Verstand begreifen können. Und das geht bei mir über eine innere Wandlung. Für mich ist nicht ausschlaggebend, ob ein Mensch dann vollkommen von seiner Krankheit geheilt ist. Ausschlaggebend ist für mich, dass eine innere Wandlung stattgefunden hat.

Wenn wir die biblischen Wunder ins Heute holen, an Wunderheilungen in Lourdes und Fátima denken, dann glaube ich schon daran, dass die Menschen durch die Kraft des Ortes eine Heilung erfahren können. Dass durch das Erlebnis des gemeinschaftlichen Betens und Singens eine Selbstheilung in Kraft gesetzt werden kann. Das ist gottgewirkt und gottgewollt.

WB: Wie erklärt die katholische Kirche Wunderheilungen?

Bertram Bolz: Man kann der Kirche so manches vorwerfen, aber nicht, dass sie leichtfertig Wunder akzeptiert. Im Gegenteil, sie setzt alle Hebel in Bewegung, um sich von dem Verdacht zu befreien, eine Wundersucht zu fördern. Sie zieht bei Wunderheilungen beispielsweise Fachärzte zu den Untersuchungen hinzu. Doch viele Wunder, die weltweit geschehen, kennt der Vatikan gar nicht. Wunder geschehen zwischen Menschen und werden eigentlich nicht an die große Glocke gehängt.

Vorsicht, wenn jemand seine angeblichen Fähigkeiten in alle Welt hinausposaunt

WB: Haben Sie schon einmal Kontakt zu einem Heiler gehabt? Oder zu einem Hellsichtigen? Welchen Eindruck hatten Sie von diesen Menschen? Sind das wirklich Tiefgläubige, die eine besondere Kraft haben – oder sind es, grob gesagt, Scharlatane?

Bertram Bolz: Meine eigene Großmutter war ein sehr einfacher Mensch, sehr bodenständig gläubig, und zuweilen hatte sie die Gabe der Hellsichtigkeit, eine Gabe, die zuweilen eine große Last für sie war. Zum Beispiel, als sie den Tod meines Vaters vorausgesagt hat.

Sich auf einen sogenannten Wunderheiler einzulassen, ist immer eine Gratwanderung. Es kann sein, dass ein Mensch wirklich besondere Fähigkeiten hat, es kann sich aber genausogut um einen Scharlatan handeln, der die Leute abzocken will. Vorsicht ist meiner Meinung nach immer besonders dann geboten, wenn jemand seine angeblichen Fähigkeiten in alle Welt hinausposaunt. Mich wundert auch mitunter, mit welcher Selbstüberschätzung sich manche Leute als Werkzeug Gottes bezeichnen.

Ich glaube, dass Gott sich ganz, ganz einfache Menschen aussucht, weil einfache Menschen in aller Regel auch offen dafür sind, sich ganz hinzugeben. Sozusagen im Sinne des Jesuswortes: „Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder…“. Schon Jesus suchte sich einfache Menschen aus, die Fischer. Dabei gab es auch zu damaligen Zeiten zweifellos gebildetere Menschen, die von sich behaupteten, Wunder wirken zu können. An die hat er sich bezeichnenderweise nicht gewandt.

Besonders begnadete Menschen entdecken vielleicht, dass sie besondere Fähigkeiten haben, die sie aber nie an die große Glocke hängen würden. Ich kenne hier auf Teneriffa einen Menschen, der zum Beispiel Schmerzen wegbeten kann. Der ist nach so einer Gebetsstunde dann fix und fertig, weil er sich mit aller Energie eingesetzt hat. Ihm ist diese Gabe nicht fremd gewesen, weil in seiner Verwandtschaft schon jemand damit ausgestattet war.

Aber muss man denn immer gleich Wunder wirken? Man kann doch auch im ganz normalen Zusammensein eine Hilfe für den anderen sein.

WB: Das Tibetische Institut für Medizin und Astrologie in Indien zieht inzwischen auch zahlreiche westliche Mediziner an, die traditionelle tibetische Heilweisen kennenlernen wollen. Dieses Institut arbeitet offenbar unter der Schirmherrschaft des Dalai Lama, einer inzwischen weltweit anerkannten spirituellen Größe. Das Wort Astrologie im Namen deutet darauf hin, dass auch in diesem Institut wie überhaupt  in den östlichen Kulturen Astrologie eine bedeutende Rolle spielt. Was sagt die katholische Kirche zum Thema Astrologie?

Bertram Bolz: Die katholische Kirche wendet sich keinesfalls gegen Dinge, die unser Dasein erleichtern können. Alles, was dem Menschen zum Menschsein hilft, ist nicht verboten. Dazu können östliche Weisheiten, wie Akupunktur oder auch die Astrologie, durchaus gehören. Wenn ich Gott als Schöpfer des Universums ansehe, warum soll ich nicht an eine Kraft der Sterne glauben? Schlecht wird es allerdings, wenn ich mein Heil in der Astrologie suche und das Größere dahinter nicht mehr erkenne, weil die Beziehung zu dem, der alles geschaffen hat, nicht mehr da ist.

Eine ganz persönliche Zuwendung

WB: Was meinen Sie: können Schuldgefühle Krankheiten auslösen? Und kann eine Beichte diese Schuldgefühle auflösen und damit heilend wirken?

Bertram Bolz: Ich glaube schon, dass Schuldgefühle oder tiefsitzende psychische Belastungen Krankheiten auslösen können. Und dass, wenn diese Schuld von einem Menschen genommen wird, für ihn ein seelisches Aufstehen und eventuell dann auch eine physische Heilung möglich ist. Stress macht die Seele krank und den Körper auch. Man denke nur an die vielen Herz-Kreislauf-Erkrankungen, die heutzutage so verbreitet sind. Die Frage ist dann: Wie kriege ich die Seele wieder ins Lot? Natürlich kann ein Beichtgespräch da hilfreich sein, denn ich kann mir da im wahrsten Sinne des Wortes vieles „von der Seele reden“. Wichtig ist, dass in einem solchen Gespräch auch Wege aufgezeigt und erkannt werden, wie es in Zukunft anders gehen kann. So ein Beichtgespräch wird noch durch die Handauflegung verstärkt, weil dies eine ganz besondere persönliche Zuwendung bedeutet.

WB: Resümee: Wie würden Sie den Begriff „Wunder“ zusammenfassen?

Bertram Bolz: Wunder sind für mich solche Momente, die es im Großen vielleicht so gar nicht gibt; Wunder finden eher im Verborgenen statt. Ereignisse, die der Mensch mit dem normalen Verstand gar nicht fassen kann. Zum Problem wird es, wenn ein Wunder hochstilisiert und öffentlich gemacht wird. Die Heiligen, die wirklich Wunder wirken konnten, sind damit nicht an die Öffentlichkeit gegangen. Und Wunder haben für mich immer mit Gott zu tun. Nur ein gläubiger Mensch kann von einem Wunder sprechen. Ein Atheist oder Nihilist würde immer nur sagen: Das kennen wir so nicht. Und Fakt ist für mich: Wunder finden immer im stillen Bereich statt.

Lesen Sie in der nächsten Ausgabe unser Interview mit Ehepaar Brodde: „Jede körperliche Erkrankung hat ihren seelischen Ursprung“.




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