Beistand für mutmaßlichen Mörder


© Moisés Pérez

Tomás C. tötete seinen Bruder mit mehreren Messerstichen

„Er hat es getan, um seine Mutter zu verteidigen“. Darin sind sich viele Anwohner des kleinen Ortes San Andrés bei Santa Cruz einig, die auch eine Woche nach dem mutmaßlichen Brudermord fassungslos sind, dass es so weit kommen musste.

Am 2. Mai verletzte ein Anwohner seinen Bruder tödlich mit mehreren Messerstichen.

Tomás C. wohnte mit seinem Bruder José María und seiner Mutter Lourdes in einem bescheidenen Haus in dem Fischerort. Hier kennt jeder jeden und längst war bekannt, dass es im Haus von Lourdes und ihren beiden Söhnen nicht selten gefährlich gewalttätig zuging.

José María war bereits vor Jahren auffällig geworden. Er galt als alkohol- und drogenabhängig. Nachbarn berichteten, dass er seine Mutter öfters angriff, während sein Bruder Tomás, der im selben Haus wohnte, sich immer um die Mutter kümmerte. Er war im Club Náutico angestellt, wo er als pünktlicher Mitarbeiter geschätzt wurde. 

Offenbar hatten Lourdes und Tomás jahrelang still ihr Schicksal ertragen. José María war bekannt dafür, unberechenbar zu sein. „Man ging ihm am besten aus dem Weg“, erzählte eine ältere Anwohnerin von San Andrés der Presse. Außerdem stieg er hemmungslos in Häuser und Wohnungen ein, und obwohl er mehrfach von der Polizei gefasst wurde, kam es nie zu einer Gefängnisstrafe. 

Am 2. Mai kam Tomás angeblich am frühen Nachmittag nach Hause und traf seinen Bruder dabei an, wie er die Mutter verprügelte. Daraufhin kam es zu Handgreiflichkeiten zwischen den Brüdern, die darin gipfelten, dass Tomás seinem Bruder José María mehrere Messerstiche versetzte, die später im Krankenhaus zum Tod führten.

Der mutmaßliche Mörder sitzt seither in Untersuchungshaft. 

Die Anwohner von San Andrés sind betroffen. Sie bedauern aber nicht so sehr den Tod von José María, sondern vielmehr die Tatsache, dass sein Bruder Tomás nun im Gefängnis ist. Eine Nachbarin erklärte sogar, sie sei zwar „nicht froh“ aber doch „erleichtert“, dass José María tot sei, denn es sei ein „Leidensweg“ gewesen, ihn zum Nachbarn zu haben. Josefa und ihr Mann lebten die letzten 17 Jahre Tür an Tür mit José María. Beschimpfungen, Drohungen und sogar Diebstahl mussten sie ertragen. „In San Andrés sind wir jetzt alle Tomás, und wir werden uns dafür einsetzen, ihm zu helfen“, sagt Josefa unter Tränen.

In der Bar San Andrés gab es Tage nach dem schrecklichen Vorfall kein anderes Gesprächsthema. Die Anwohner debattierten sogar darüber, eine Spendensammlung zu starten, um Tomás einen guten Anwalt bezahlen zu können. Eine Anwohnerin sagt: „Ich habe Tomás sehr gern, und ich bete jede Nacht, dass er bald aus dem Gefängnis entlassen wird, denn er hat es nicht verdient, dort zu sein.“ Viele fragen sich jedoch auch, warum Lourdes und Tomás nicht Anzeigen bei der Polizei erstatteten, um ihrer dramatischen Situation ein Ende zu setzen. Der Besitzer eines kleinen Lebensmittelladens berichtet, dass Tomás von seinem Telefon aus mehrmals den Notruf und die Polizei rief. Über den Mordverdächtigen sagt er: „Das einzige, was er getan hat, ist, seine Mutter zu verteidigen und ihr zu helfen“.




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