Beerdigungsgedanken


Gedanken für mich ­– Augenblicke für Gott

Jetzt verbringen Sie gerade hier auf Teneriffa wunderschöne Urlaubstage – und ich? Ich malträtiere Sie hier mit einem Thema, das viele Menschen ganz gerne aus ihrem Leben ausblenden, dem Tod. Deshalb die etwas ungewohnte Frage an Sie: Haben Sie sich schon mal Gedanken über die Predigt an Ihrer eigenen Beerdigung gemacht?

Ich nehme mal an, eher nicht. Und vielleicht fragen Sie sich sogar: Warum sollte ich mir denn darüber Gedanken machen? Da muss sich schließlich mal ein anderer den Kopf zerbrechen. So einer zum Beispiel wie Sie. Und ich spüre: Da haben Sie nicht unrecht.

Allerdings kenne ich nun jemanden, der nicht so denkt. Es ist Peter Noll, Sohn eines evangelischen Pastors und Strafrechtsprofessor in Zürich. Peter Noll bekommt 1981 von seinem Arzt die Diagnose mitgeteilt, dass er Blasenkrebs in einem bereits fortgeschrittenen Stadium habe und er entscheidet sich daraufhin ganz bewusst gegen die von den Ärzten angestrebte Operation. Er sagt, dass er nicht von medizinischen Geräten abhängig werden möchte, sondern in Freiheit und – wenn möglich – bei klarem Verstand auf den Tod zugehen will. All das aber, was ihn dann so in der letzten Phase seines Lebens beschäftigt, das bringt er unter der Überschrift „Diktate über Sterben und Tod“ zu Papier – darunter auch eine Ansprache für seine eigene Trauerfeier. Sie denken das sei makaber? Lassen Sie sich doch einfach mal ein paar Sätze mitteilen:

„Was soll sich denn ändern im Leben, wenn wir an den Tod denken? Vieles, nicht alles… Wir werden sorgfältiger umgehen mit der Zeit, sorgfältiger mit den anderen, liebevoller, wenn Sie so wollen, geduldiger – und vor allem freier. Niemand kann uns mehr nehmen als das Leben, und das wird uns ohnehin genommen. Die Zwänge der vermeintlichen Bedürfnisse, die Karriere, die Statussymbole, die gesellschaftlichen Zwänge, sie werden mehr und mehr gleichgültig und wir können zum Beispiel einfach sagen, was wir denken, rücksichtlos gegenüber den Konventionen oder Mächten, die es uns verbieten wollen… Ich kann Ihnen sagen, weil ich es in den letzten Monaten erlebt habe, dass der Gedanke an den Tod das Leben wertvoller macht.“

Also nicht fromme Sprüche oder die Verdienste des gestorbenen Peter Noll sollen seine Trauergäste einmal zu hören bekommen, sondern Anregungen, wie ihr eigenes Leben besser gelingen könnte. Nicht von Verlust soll die Rede sein, sondern vom Gewinn, den die Nähe des Todes durchaus bringen kann. Und dieser Gewinn hat für Peter Noll drei Namen: Sorgfalt, Geduld und Freiheit werden dem geschenkt, der den Gedanken an den Tod nicht verdrängt. Dröseln wir diese drei Begriffe doch mal ein wenig auf:

Zum einen die Sorgfalt – das Wissen um die eigene Endlichkeit macht doch jeden einzelnen Tag, ja fast jede Stunde und Minute mehr als kostbar. Jede neue Woche, die mir gegeben wird, bietet die Chance, dass ich dieses, mein Leben, vertiefen, es bewusst und behutsam annehmen und gestalten kann. Dann aber wächst die Sorgfalt in mir, dass jede Begegnung mit einem lieben Menschen die letzte sein könnte und deshalb gewinnt dann auch jede dieser Begegnung an Ernsthaftigkeit und Intensität.

Des Weiteren benennt er die Geduld – die Konfrontation mit der eigenen Begrenztheit und Hinfälligkeit macht für mich natürlich auch die Grenzen der anderen erträglicher. Ich werde mir dadurch bewusst, vielleicht sogar manchmal erschreckend bewusst, wie kleinlich ich manchmal meine Mitmenschen kritisiere oder sie über einen Kamm mit anderen schere, und wie lieblos ich häufig ihre Schwächen beurteile. Auch meine eigene innere Unruhe und Unzufriedenheit, meine Hektik und Betriebsamkeit wird mehr als fragwürdig, wenn ich an das Ende meines Lebens denke.

Und dann ist da noch die Freiheit – im Angesicht des Todes werden Besitz und Macht, Geld und Karriere, Ansehen und Anerkennung mehr als zweitrangig. Der nüchterne Blick auf die Tatsache, dass ich einmal alles loslassen muss und nichts, aber auch gar nichts mehr festhalten kann, unterzieht meine Maßstäbe einer heilsamen Prüfung. All meine Abhängigkeiten und vermeintlichen Sicherheiten werden aufgedeckt. Und dann? Dann erkenne ich, wie krampfhaft ich mich manchmal an Dinge klammere, die überhaupt keinen bleibenden Wert besitzen.

Wenn Sie diese Zeilen lesen, spüren Sie dann, wie die Konfrontation mit unserer eigenen Vergänglichkeit dem Leben – unserem jetzigen Leben – wirklich eine neue Qualität geben kann? So gesehen ist es dann aber doch gar nicht so abwegig, sich ab und zu auch mal Gedanken über die eigene Beerdigungsansprache zu machen…

Ihr

Bertram Bolz, Diakon

Kath. Touristen- und

Residentenseelsorger

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