Ausmisten


Gedanken für mich – Augenblicke für Gott

Ausmisten ist ein menschliches Bedürfnis. Wer von uns kennt das nicht? Ich denke da an so manche Auseinandersetzung zwischen Eltern und Kindern, wenn es mal wieder darum geht, dass sich Klamotten und Schulsachen im Zimmer auf dem Boden türmen und man sich Trampelpfade suchen muss, die durch’s Chaos führen.

So mancher mütterliche oder auch väterliche Seufzer lautete da schon: „Da möchte ich gerne mal ausmisten!“ Aber da es das Zimmer des Kindes ist, sind manche Eltern eben schon Gott froh, wenn ein Kompromiss gefunden wird zwischen den Ordnungsvorstellungen eines Jugendlichen oder denen der Erwachsenen. Übrigens etwas, was auch Erwachsene untereinander durchaus kennen…

Ausmisten – ein menschliches Bedürfnis. Das war bei Jesus kein Haar anders. So zumindest erzählt es uns der Evangelist Johannes. Der Ort des Geschehens war der Platz vor dem Tempel und die Leidtragenden waren Viehhändler und Geldwechsler. Der Unterschied ist allerdings: Jesus sucht keinen Kompromiss. Er redet sie erst gar nicht lange an, sondern fängt direkt mit dem Großreinemachen an. Auf alle geht er los, die am und mit dem Tempel Geld verdienen; verjagt alle, die die Opfertiere, Rinder, Schafe und Tauben verkaufen. Dabei schmeißt er die Kassen der Geldwechsler um und schimpft, ja schreit: „Macht das Haus meines Vaters nicht zu einer Markthalle!“ Von wegen – ein sanfter Jesus! Dieser Jesus hier, der mistet ganz gewaltig aus.

Dabei geht es bei dieser Aktion um weit mehr, als nur ums Aufräumen. Dass Jesus auf die Geldwechsler und Viehhändler losgeht macht deutlich: Dieser ganze Kult ist doch nutzlos und unsinnig. Erinnern wir uns. Zur Zeit Jesu waren die Opfertiere für den Kult, also den Gottesdienst im Tempel, notwendig. Und Geldwechsler brauchte man dort auch, denn es durfte hier nur mit einer besonders alten Währung bezahlt werden. Also musste man die Möglichkeit zum Wechseln haben. Wenn nun Jesus die Viehhändler und Geldwechsler verjagt, dann vernichtet er damit auch die Grundlage des Tempelkultes und sagt: Gott braucht all diese Dinge nicht. Er braucht keine Opfer, er braucht kein Geld, kein frommes Getue und auch keine Riten und Regeln. Wie er zu dieser Überzeugung kommt? Ich meine, weil er ganz sicher ist, dass Gott immer dort ist, wo wir Menschen sind. Dass er dort ist, wo Menschen sich begegnen und wo sie Gemeinschaft miteinander erleben. Und: Gott ist da, wo immer sich Menschen auf ihn einlassen – ja selbst da, wo er gar nicht so gerne gesehen wird. Dementsprechend kann er sagen: Macht euch frei von dem ganzen offiziellen Brimborium, das mit der Religion oft einhergeht. Lasst euch auf Gott und seine Botschaft ein und nicht auf Opfer. Spüren Sie etwas? Dieser Jesus, der mistet auf diese Art und Weise auch das ein oder andere Denkmuster in mir aus; so manche Vorstellung, die wir – Sie und ich – vielleicht von Gott haben. Aber so ein Aufräumen tut gut, weil es frei macht und so manches Überflüssige einfach weggeräumt wird. Es bleibt nur das, was wirklich zählt und wichtig ist.

Wenn wir derzeit miteinander auf Ostern zugehen und die Fastenzeit als Vorbereitungszeit dazu nutzen, dann könnte es uns allen doch gut tun, dass wir innehalten, dass wir in uns selbst Ausmisten und uns hinterfragen: Welche Vorstellungen von Gott habe ich denn? Meine ich, diesen Gott zu irgendetwas bewegen zu können, wenn ich mich IHM gegenüber in irgendeiner Form erkenntlich zeige? Meine ich vielleicht sogar, mir die Zuneigung Gottes erkaufen zu können? Bis hin zur Frage: Wie bringe ich mich in meine Kirche ein? Was will ich tun, um die Gemeinschaft der Glaubenden so zu stärken, dass nicht reaktionäre Kräfte – wie z.B. ein Bischof Williamson (Holocaust-Leugner und Bischof der Piusbruderschaft) – mit einem überholten Gottes- und Kirchenverständnis die ganze Gemeinschaft der Kirche in Frage stellen und in Verruf bringen? Jesus fordert dies mit der Tempelreinigung von uns ein. Er bedroht nicht nur die Existenzgrundlage der Viehhändler und Geldwechsler, sondern er greift den gesamten Tempelkult an und fordert ein Umdenken.

Spannend finde ich, dass die provokante Tempelreinigung durch Jesus im Judentum eine gute Tradition ist. In der ganzen Bibel findet sich immer wieder Kritik an Priestern, am Tempel und am Kult. Gerade die Propheten haben kein Blatt vor den Mund genommen und die Priesterschaft teilweise wüst ins Gebet genommen. Dabei war die Funktion der Propheten immer: Die Funktionäre des Glaubens, also die Hauptamtlichen und Amtsträger, daran zu erinnern, um was es im Glauben wirklich geht. Es geht um den Menschen, der spürt, dass diese Welt nicht alles ist; der merkt, es muss mehr geben – und: Es geht um Gott, der sich für den Menschen einsetzt und für ihn immer da ist. Darum geht es im Glauben und nicht um Regeln, um Verbote und Gebote. Gottesdienst und Kult sind für den Menschen da, damit er eine Form hat, den zu loben und zu preisen, der menschliches Leben in Fülle ist und will.

Ihr

Bertram Bolz, Diakon

Kath. Touristen- und

Residentenseelsorger

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