Am 16. November herrschte im Orotavatal Weltuntergangsstimmung


© Moisés Pérez

Cabildo-Präsident wirft dem staatlichen Wetterdienst Versagen vor und fordert moderne Technik für die Wetterstationen auf Teneriffa

Der Wetterdienst hatte für den 16. November zunächst für die Insel La Palma Alarmstufe Gelb wegen heftigen Regens ausgerufen. Am Vormittag wurde die Warnung dann auf den Norden Teneriffas und Gran Canarias ausgeweitet. Zu dieser Zeit herrschte im Norden Teneriffas noch Strandwetter, doch am Nachmittag verdunkelten die angekündigten Gewitterwolken dann doch den Himmel.

Es war kurz vor 16.00 Uhr als es zu regnen anfing. Und der erste richtige Herbstregen war kein leichter Schauer. Der heftige und andauernde Regenguss setzte schnell Straßen und Wege unter Wasser, die Nordautobahn verwandelte sich stellenweise in einen fast unpassierbaren See. Sturzbachartig strömten die Niederschlagsmengen die Hänge, Steilküsten und Barrancos hinunter, die sich teils in reißende Flüsse verwandelten. Straßen wurden mit Wasser, Schlamm- und Geröllmassen überschwemmt, Autos mitgerissen und schwer beschädigt. Menschen kamen nicht zu Schaden. Das Desaster erinnerte an die Unwetterkatastrophe am 24. November 1968, als es stundenlang ununterbrochen regnete und zwei Menschen starben. Die Überschwemmungen in Teneriffas Norden am 16. November sollen die schlimms­ten seit 41 Jahren gewesen sein. „Seit 1968 hat es hier keine solche Sintflut gegeben“, sagte Puertos Bürgermeis­ter Marcos Brito, der über den lokalen Fernsehsender Televisión Canaria am Abend einen ersten Lagebericht gab.

Bis zu 180 Liter pro Quadratmeter gingen in drei Stunden nieder

Teneriffas Cabildo-Präsident Ricardo Melchior beschwerte sich später darüber, dass die Warnung des Wetterdienstes nicht das wahre Ausmaß des Unwetters habe vorausahnen lassen. Niederschlagsmengen von 60 Litern pro Quadratmeter in zwölf Stunden waren für den Norden Teneriffas angekündigt. Tatsächlich gingen dann aber nach Auskunft von Melchior innerhalb von nur drei Stunden bis zu 180 Liter pro Quadratmeter nieder (in Las Llanadas bei Los Realejos gemessen). In La Orotava wurden 105 Liter pro Quadratmeter gemessen und in Guamasa waren es 90 Liter pro Quadratmeter.

Melchior warf dem staatlichen Wetterdienst Versagen vor, bzw. kritisierte, dass die technische Anlage auf Teneriffa keine genauere Vorhersage erlaubt. Er erinnerte daran, dass er bereits in der vergangenen Legislaturperiode die Umweltministerin Cristina Narbona ersucht hatte, die Mittel zur besseren Vorhersage von Wetterphänomenen auf der Insel zu verbessern. „Ich vertraue zwar dem Personal des meteorologischen Zentrums von Teneriffa, aber wenn sie nicht die notwendigen technischen Mittel haben, dann können sie auch nicht Phänomene wie das von gestern vorhersagen“, unterstrich der Cabildo-Chef und bezeichnete das durch den Regen verursachte Desaster im Inselnorden als „Skandal“.

Besonders betroffen waren die Gemeinden des Orotavatals – Puerto de la Cruz, La Orotava und Los Realejos –, wo die Regenmassen unter den Bewohnern der nahe an den Barrancos gebauten Häusern regelrecht Panik hervorriefen. An steilen Straßen machte das Wasser auch vor Haus­türen nicht halt, weshalb bei der Notrufnummer 112 unzählige Anrufe eingingen. Feuerwehr und andere Sicherheits- und Notdienste sahen sich kurzzeitig von der Zahl der Vorfälle überfordert. Kurz vor 20.00 Uhr waren in Puerto, La Orotava und Los Realejos über 120 Feuerwehrleute im Dauereinsatz. Die Feuerwachen von Santa Cruz, La Laguna und sogar aus dem Süden hatten Einheiten zur Verstärkung geschickt.

Während die Bevölkerung in den höher gelegenen Gebieten von La Orotava und Los Realejos angstvoll die immer heftiger werdende Flut beobachteten und viele hilflos zusehen mussten, wie ihre Autos von den Wassermassen mitgerissen wurden, musste die Nordautobahn auf der Höhe der Feuerwache von La Orotava zeitweise gesperrt werden, weil die Fahrbahnen durch das immer höher steigende Wasser unpassierbar waren. In Puerto de la Cruz wurde die Ortszufahrt über den Martiánez-Tunnel gesperrt, weil die den Steilhang wasserfallartig hinunterstürzenden Wassermassen die Fahrbahnen auch mit größeren Felsbrocken zuschütteten. Die Stadtzufahrt über die Botánico-Straße war nur mühsam passierbar, weil sie ebenfalls zum Teil mit Schlamm und Geröll bedeckt war. Ein Lob verdienen an dieser Stelle die Straßenreinigungskräfte, die bis zum nächsten Morgen alles wieder freigeräumt hatten.

Anders sah es am Tag nach dem Unwetter am Strand Playa Jardín aus. Hier werden einige Anstrengungen nötig sein, um die Playa wieder in einen Badestrand zu verwandeln, denn die Schlamm- und Wasserflut, die den Barranco San Felipe buchstäblich in einen Fluss verwandelte (Foto oben links) bahnte sich unbarmherzig den Weg über den Strand zum Meer.  Der an der Mündung des Barrancos angepflanzte Kaktusgarten existiert nicht mehr, und gut ein halbes Dutzend Fahrzeuge, die unvorsichtigerweise im Barranco geparkt waren, wurden mitgerissen – einige davon tauchten am nächsten Morgen bis zum Dach von Geröll zugeschüttet in der Barranco-Mündung auf.

Überschwemmungen auch in Las Palmas

Während sich Teneriffas Norden von dem Schrecken erholte und eine erste Schadensbilanz zog, wurde in Gran Canarias Haupstadt eine ähnliche Katastrophe befürchtet. Am Vormittag des 17. November ging über Las Palmas ein längerer Platzregen nieder, der Straßen überflutete und kurzzeitig zu einem Verkehrschaos führte.




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