Alter Esel


Gedanken für mich ­– Augenblicke für Gott

Sind Sie gleich eingeschnappt, wenn mal jemand: „Du alter Esel“ zu Ihnen sagt? Das sollten Sie nicht. Im Gegenteil. Fassen Sie es vielmehr als ein Kompliment auf.

Denn unter Umständen sieht ein alter Esel nämlich weit mehr als normale Menschen. Manchmal sieht er, wie Gott uns Menschen vor Abwegen bewahren möchte. In der Bibel gibt es dazu eine Geschichte, die dies ganz ausdrücklich erzählt und die ich Ihnen nicht vorenthalten möchte.

Da geht es um eine Eselin, die Gott sogar zum Sprechen gebracht hat, um ihren Besitzer von einer ganz großen Dummheit abzuhalten. Bileam, so erzählt die Bibel, war ein berühmter Prophet. Wenn er etwas ankündigte, dann trat das auch so ein. Nun sollte dieser Bileam eines Tages die Israeliten verfluchen. Ein Auftrag, den er allerdings nicht von Gott, sondern von einem König erhielt. Der hatte so viel Angst vor den Israeliten, dass er bereit war, dem Propheten ein ordentliches Sümmchen für dessen Fluch zu bezahlen. Doch unterwegs fing die ansonsten sehr duldsame Eselin plötzlich zu bocken an. Bileam war stocksauer auf das Tier und versuchte, es mit dem Stock immer wieder anzutreiben. Doch seine Eselin rührte sich nicht vom Fleck. Anders als Bileam sah sie nämlich auf dem Weg vor sich einen Engel stehen, der ein Schwert in der Hand hatte. Dieser Engel hätte Bileam glatt niedergestreckt, wenn er weiter geritten wäre. So also hat Gott in dieser bedrohlichen Situation die Eselin zum Sprechen gebracht.

„Warum schlägst du mich?“, fragte sie den Propheten. Und dem gingen endlich die Augen auf. Er erkannte, dass er auf einem Holzweg war und dass er mit seiner Mission ein schreckliches Unglück anrichten würde. Dabei hätte er ja als Mann Gottes wissen müssen, dass es immer eine zerstörerische Wirkung hat, wenn man jemanden verflucht oder ihm alles Böse „an den Kragen“ wünscht. Genauso wie von einem Segen ganz viel positive Kraft ausgeht – Kraft die aufbaut und ermutigt.

Auch ich habe schon oft erlebt, dass es ein gewaltiger Unterschied ist, ob nun jemand zu mir sagt: „Du bist doch der letzte Heuler.“ Oder ob ich hören darf: „Schön, dass es dich gibt. Dass ich sie kennenlernen konnte.“ An solchen Sätzen kann man zerbrechen oder eben wachsen.

So gesehen bin ich nun aber froh, dass der liebe Gott nicht alle üblen Wünsche erhört, die so im Zorn und Ärger oder auch aus Frust und Hilflosigkeit zu ihm gen Himmel steigen. Zumindest hoffe ich das, denn auch mir sind ja schon Sätze entfahren, die ich besser nicht gesagt hätte. Ja, ich hoffe, dass Gott ein Gott des Friedens ist und dass er alles daran setzt um zu verhindern, dass wir mit bösen Wünschen, unseren Aggressionen und unserer üblen Nachrede nicht nur andere fertigmachen, sondern auch uns selbst buchstäblich ins Unglück reiten. Deswegen mag ich auch die Geschichte von Bileam und seiner Eselin so. Sie zeigt mir: Wenn’s drauf ankommt, setzt Gott sogar einen alten Esel ein, um den Frieden zu bewahren und Schaden abzuwenden.

Wenn’s stockt und klemmt, wenn es nicht so recht voran geht bei mir, dann kann es doch sein, dass mir Gott dadurch zeigen möchte: Stopp, Bertram, so geht’s nicht. Wenn du so weiter machst, dann tust du dir selbst und anderen nichts Gutes. Das sind dann wohl die sogenannten „Warnschüsse“, die mich schon manches Mal nachdenklich gestimmt haben: Eine Erkrankung, meine Herz-OP…

Was bringt der Weg, den ich eingeschlagen habe? Was bringt er anderen? Diese Frage stellt mir die Geschichte von Bileam und seiner störrischen Eselin, die zur Botin Gottes wird, in dem sie anfängt zu reden. Ich finde das ja schon ein wenig wundersam. Aber andererseits: Wahrscheinlich muss Gott ab und an zu ungewöhnlichen Maßnahmen greifen, damit wir Menschen endlich kapieren: So geht das nicht weiter! Bei Bileam war’s ein verstauchter Fuß. Bei anderen ist es eben ein Bandscheibenvorfall, eine länger andauernde Funkstille in Ehe und Familie oder ein wochenlanger Durchhänger im Job. Es sind doch oft gerade die Ehrgeizigen und Geradlinigen, die es so verdammt schwer haben, von dem Ziel abzuweichen, das sie sich mal vorgenommen haben. „Wär doch gelacht, wenn ich das nicht hinkriegen würde. Da muss ich jetzt durch.“ Und dann wird die ganze Familie genervt und ohne Rücksicht auf die Gesundheit das Letzte aus dem Körper herausgeholt, bis wirklich nichts mehr geht.

Ich kann mir gut vorstellen, dass Bileam die Lektion verstanden hat, die Gott ihm erteilt hat. Auch ich wünsche es mir, dass ich, wenn es sein muss, „durch Schaden klug“ werde; sprich: sensibel, achtsam und geduldiger mit mir selbst und anderen umgehe. Deswegen möchte ich mir immer wieder klar machen, dass ein guter Rat oder eine Kritik wirklich hilfreich sein kann. Gerade Menschen, die älter sind als ich, haben mir ja manches an Erfahrung voraus, die ich mir ersparen kann, wenn ich ihren Rat befolge. Ich bin auf jeden Fall gespannt, wen Gott mir alles über den Weg laufen lässt, um mir den letztlich guten Weg zu zeigen. Auf jeden Fall muss man bei IHM mit allem rechnen – selbst mit sprechenden alten Eseln.

Ihr  

Bertram Bolz, Diakon

Kath. Touristen- und

Residentenseelsorger

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