Abendrituale


Gedanken für mich – Augenblicke für Gott

Ein altes schwedisches Sprichwort sagt: „Wenn Du Schlafen gehst, dann schieb deine Sorgen einfach in die Schuhe.“ Nicht übel. Das klingt nett, sinnvoll, einfach, plausibel – und ist doch so unsagbar schwer in die Tat umzusetzen.

Ich nehme mal an, dass Sie das auch aus ihrer eigenen Erfahrung her kennen: Da ist man todmüde, freut sich endlich darauf schlafen gehen zu können – und dann liegt man im Bett und die Gedanken fahren Karussell mit einem. Da sind einmal die Nachrichten und Bilder aus der letzten „Tagesschau“, die mich beschäftigen, weil sie mir wieder einmal vor Augen führen, wie friedlos und unmenschlich unsere Welt oft ist und die Politik keine Antworten auf die Herausforderungen dieser Zeit zu finden scheint. Oder es ist das Gespräch mit der Person von heute Nachmittag, welches mir noch durch den Kopf geht. Eine Familie, die in Deutschland keine gute Perspektive besaß und auch hier bislang keinen Fuß auf den sprichwörtlichen Boden bekommt. Die Sorgen um die Zukunft lähmen und ich fühle mich nicht in der Lage wirklich zu helfen. Oder es geht mir unser Arbeitspensum für die nächsten Wochen durch den Kopf – und ich weiß nicht, wie wir das alles bewerkstelligen sollen…. Gedanken, die anfangen zu kreisen; und sie machen weiter und weiter und ich finde keinen Anfang und kein Ende. Deutlich spüre ich, dass das, was schon bei Tag beunruhigend und belastend auf uns wirkt, in der Nacht, in der Dunkelheit da wird es noch bedrängender und verworrener – einfach unlösbar. Und dann? Dann ist an Schlaf nicht mehr zu denken! 

So eine Reaktion ist natürlich kein Wunder: Wir Menschen sind schließlich keine Maschinen, die den ganzen Tag auf Hochtouren laufen und dann quasi per Knopfdruck abgeschaltet werden können. Wobei ja gerade dieses „Abschalten“ in der Situation so wichtig wäre, um dem erschöpften Geist und dem müden Körper die nötige Erholung zu ermöglichen. Die Erholung, die wir einfach brauchen, um einen neuen Tag wieder mit der notwendigen Frische und Energie angehen zu können. Doch wie soll das gelingen, wenn ich mir einbilde, dass ich aus der Geschäftigkeit und den Sorgen eines Tages so einfach in den Schlaf hineinstolpern könnte.

Im Ernst: Würden wir wohl tatsächlich auf die Idee kommen, ein Kind vom Spielen und Toben weg direkt ins Bett zu stecken? Wohl kaum. Denn das „schlaf jetzt“ wäre von vornherein zum Scheitern verurteilt. An unseren eigenen Kindern habe ich gemerkt, wie wichtig die Bedeutung von „Abendritualien“ ist. Also etwas, was eine klare Zäsur zwischen Tag und Nacht markiert und vor allem: Was jeden Abend verlässlich und nach Möglichkeit gleich abläuft. Sprich: Immer dasselbe Schlaflied oder eine Geschichte, bei der man immer auf derselben Bettkante zu sitzen hat; der kleine Spalt der offenen Tür um Sicherheit zu gewährleisten, dass jemand da ist. Kinder fordern diese Rituale ein, weil sie spüren, wie wichtig sie für sie sind. Sie vermitteln ihnen nicht nur Sicherheit und Geborgenheit, sondern diese Rituale sind wie eine Brücke vom Wachsein zum Schlafen können. 

Vielleicht ist das ja genau die Brücke, die uns Erwachsenen fehlt, wenn es uns eben mal wieder nicht gelungen ist, vor dem Schlafengehen „die Sorgen in die Schuhe zu schieben“ und wir stattdessen mit einem Kopf wie ein Bienenschwarm im Bett liegen. Sicherlich ist es bei uns Erwachsenen nicht mehr mit einem Schlaflied getan. Das ist mir auch klar. Aber ich denke schon, dass es sich lohnt, auch als Erwachsener nach einem Abendritual zu suchen – einem Übergang vom Hellwach-Sein zum Schlafen- Können. Der eine wandert vielleicht noch mal um den Block, um die Gedanken auszulüften; ein anderer genießt noch ein Glas Wein oder dezente Musik. Ich persönlich halte mich ganz gerne ans Gebet – weil ich Gott den Tag zurückgeben will:

„Diesen Tag hast Du mir geschenkt, mein Gott, und ich habe ihn nach meinen Möglichkeiten zu füllen versucht. Jetzt ist der Punkt erreicht, an dem ich nichts mehr machen kann. Deshalb will ich Dir diesen Tag zurückgeben mit allem, was mir in diesen vergangenen Stunden gelungen ist, aber auch mit allem, was mir misslungen oder was Stückwerk geblieben ist. Lass mich meine unruhigen Gedanken, meine wirren Gefühle oder auch die Sorgen, die mich umtreiben in Deine Hände legen. Und so wie Du all diese Gefühle und Empfindungen annimmst, so nehme auch alle an, die mir lieb und ans Herz gewachsen sind und auch jene, die sich mit mir schwer tun und ich mich mit ihnen. Ja, Herr, in Deine Hände lege ich jetzt – mich!

Bertram Bolz, Diakon

Kath. Touristen- und

Residentenseelsorger

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