100 Jahre Chinyero


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„Ein grandioses Schauspiel von erschreckender Schönheit“

100 Jahre ist es her, dass auf Teneriffa ein Vulkan ausbrach. Es war der Chinyero in den Bergen von El Tanque und Santiago del Teide im Südwes­ten der Insel, der an jenem 18. November 1909 lavaspuckend zum Leben erwachte und die Bevölkerung in Angst und Schrecken versetzte.

Fassungslos erlebten die Menschen, wie sich die Erde spaltete und Feuer und Lava hervorbrachte.

Der Bauer Antonio Hernández und sein Sohn waren mit einem Esel unter denen, die der Ausbruchstelle am nächs­ten waren: nur rund 100 Meter entfernt. Er berichtete damals: „Wir spürten, wie der Boden unter unseren Füßen bebte. Dann hörten wir ein Sirren in der Luft, und ich schaute zum Himmel, weil ich glaubte, dass ein großer Taubenschwarm vorüberflog. Dann kamen schon ein paar Hirten angelaufen, die riefen ‘Bloß weg hier, das wird eine üble Sache!’ Und dann ging der Vulkan in die Luft.“ Sie alle rannten um ihr Leben und überließen den Esel seinem Schicksal.

„Es gab einen lauten Knall, und uns flogen Erd- und Gesteinsbrocken um die Ohren. Alles war in schwarzen Rauch gehüllt, aber wir sahen da noch kein Feuer. Auf uns prasselte glühend heißer Sand herab. Und dann haben wir nichts mehr gesehen, weil wir nur noch gerannt sind.“

Sie waren nicht die einzigen, die vor der erschreckenden Urgewalt davonliefen. Zunächst glaubten viele, das Ende der Welt sei gekommen. Aus den nächstliegenden Ortschaften flüchteten die Bewohner weg von dem Unglücksort, als sei ihnen der Leibhaftige auf den Fersen. Die Menschen rannten kopflos davon, ließen Haus und Hof offen und ihr Vieh zurück.

„Das Gefauche des Ungeheuers“

Elf Jahre alt war Agustín Eduvigis aus Santiago del Teide damals. Er hat oft und oft erzählt, wie das damals war: „Die Leute sagten, der Teide sei ausgebrochen. Wir hörten einen Riesenknall und sind alle nach Lomo de Hijada geflüchtet, und von dort aus nach Cherfe. Da sind wir dann acht Tage lang geblieben, hatten Angst vor dem roten Feuerschein, dem Rauch und der Asche.“

In den Berghöhen von Garachico war der Knall auch zu hören, und die Erde bebte. Einer schrie: „Der Berg spuckt Feuer!“ und dann „sind wir in alle Richtungen weggerannt.“ Männer trugen Kranke auf den Schultern, die Frauen weinten, die Kinder waren verstört. Und in der Ferne sahen sie den Feuerschein und hörten „das Gefauche des Ungeheuers“.

Eine alte kranke Frau aus Tamaimo weigerte sich, ihre Hütte zu verlassen – und ihr Schwein, das sie nicht zurücklassen wollte. Als die Lava schon fast vor ihrer Tür war, konnte sie gerade noch gerettet werden.

Zigaretten an der Lavaglut angezündet

Tage später, als feststand, welchen Weg die Lavazungen nahmen, kehrten viele zurück, und auch aus anderen Teilen der Insel kamen die Menschen, um sich das Naturschauspiel anzusehen, das die Insel zehn Tage lang in Atem hielt. Ein Zeitungskorrespondent berichtete über das inzwischen schon nicht mehr als lebensgefährlich geltende Ereignis: „Die zu­nächst vermutete Hekatombe ist zu einem grandiosen Schauspiel von erschreckender Schönheit geworden.“

Die Menschen, die anfangs um ihr Leben und ihr gesamtes Hab und Gut gefürchtet hatten, wagten sich zögernd immer näher an die glühende Lava heran. „Es war so ungefährlich, dass die Verwegensten sogar ihre Zigaretten an der Lavaglut anzündeten“, berichtet ein Chronist. Dennoch war Vorsicht im Umgang mit dem feuerspeienden Berg geboten, der immer wieder glühende Steine ausspuckte und Ascheglut auf die Umgebung regnen ließ.

Teneriffa und speziell die Gemeinde Santiago del Teide gedenkt nun dieses letzten Vulkanausbruchs und feiert den 100. Jahrestag mit kulturellen, gesellschaftlichen, religiösen und wissenschaftlichen Veranstaltungen. Hierzu wurde die „Comisión del Centenario del Chinyero“ ins Leben gerufen, die bis Juni 2010 zu verschiedenen Veranstaltungen einlädt.




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