Vulkanausbruch auf La Palma

Am 19. September brach am Cumbre Vieja die Erde auf. Aus acht Schloten schießt Feuer und glühendes Gestein. Wie lange die Eruption dauern wird, vermag niemand vorherzusagen. Der letzte Vulkanausbruch vor genau 50 Jahren, der des Teneguía, dauerte knapp einen Monat. Foto: EFE

Am 19. September brach am Cumbre Vieja die Erde auf. Aus acht Schloten schießt Feuer und glühendes Gestein. Wie lange die Eruption dauern wird, vermag niemand vorherzusagen. Der letzte Vulkanausbruch vor genau 50 Jahren, der des Teneguía, dauerte knapp einen Monat. Foto: EFE

Eine meterhohe Masse glühender Lava wälzt sich bergab und richtet auf ihrem Weg zum Meer verheerende Schäden an. Mehr als 1.000 Häuser drohen, unter den Lavamassen begraben zu werden; zahlreiche Straßen sind durch die Mauer aus Lava unpassierbar

La Palma – Am 19. September trat auf La Palma das ein, was die Wissenschaftler selbst mit modernster Technologie nicht genau vorhersagen konnten. Fast genau ein halbes Jahrhundert nach dem Ausbruch des Teneguía – dessen Eruption am 26. Oktober 1971 begann – brach am Cumbre Vieja die Erde auf und begann glühendes Magma, Pyroklasten und Asche zu speien. Die Gewalt der Natur, die den Menschen und der Wissenschaft ihre Grenzen aufzeigt, entfaltete sich mit einer ebenso faszinierenden wie zerstörerischen Kraft.

Auf La Palma hört die Erde nicht auf zu beben. Die Menschen werden auch in der Nacht immer von neuen Erschütterungen aufgeschreckt. Das Ausmaß der Katastrophe ist noch nicht absehbar, ebenso wenig die Dauer der Eruption. Foto: EFE
Auf La Palma hört die Erde nicht auf zu beben. Die Menschen werden auch in der Nacht immer von neuen Erschütterungen aufgeschreckt. Das Ausmaß der Katastrophe ist noch nicht absehbar, ebenso wenig die Dauer der Eruption. Foto: EFE

Seit dem 11. September hatte im Südwesten der Insel eine Erdbebenserie die Verantwortlichen des Vulkanologischen ­Instituts der Kanaren (INVOLCAN) und der Regierung beunruhigt. Obwohl die Bergkette des Cumbre Vieja in den letzten Jahren immer wieder solche Erdbebenschwärme verzeichnet hatte, war die seismische Aktivität dieses Mal deutlich stärker und die Epizentren der Beben kamen mit jedem Tag näher an die Oberfläche. Die Bevölkerung im Süßwesten La Palmas war bereits in Alarmbereitschaft. Die Einwohner der Gemeinden Fuencaliente, Los Llanos de Aridane, El Paso und Villa de Mazo waren gewarnt, und die Generaldirektion für ­Sicherheit der kanarischen ­Regierung hatte die Vulkanrisikoampel aufgrund der seismischen Aktivität auf gelb geschaltet.

Während sich die Lavamassen ihren Weg zur Küste bahnen, werden immer mehr Orte evakuiert. Fotos: EFE
Während sich die Lavamassen ihren Weg zur Küste bahnen, werden immer mehr Orte evakuiert. Foto: EFE

Der deutlichste Vorbote des Vulkanausbruchs war ein Erdbeben der Stärke 4,2 auf der Richterskala am 19. September, welches die Einwohner zahlreicher Ortschaften in den Gemeinden El Paso, Los Llanos de Aridane, Fuencaliente und Tazacorte deutlich spürten. Danach ging – auch zur Überraschung der Experten – alles ganz schnell. Um 15.13 Uhr ereignete sich nach einem tiefen Grollen eine starke Explosion im Gebiet Cabeza de Vaca auf etwa 800 Metern Höhe, eine Rauch- und Aschewolke wurde weithin sichtbar. Seither spuckt der Vulkan Feuer und Asche. Aus zunächst sechs, dann acht Schloten schießen Feuerfontänen mit Magma empor. Die Lavamassen wälzen sich langsam aber unaufhaltsam Richtung Meer und begraben alles unter sich, Vegetation, Straßen, Häuser. Für Menschen besteht keine Gefahr, da die Geschwindigkeit, mit der sich die Lavazungen bewegen, gering ist.

Aschewolken steigen mit der Eruption. Foto: EFE
505 Aschewolken steigen mit der Eruption. Foto: EFE

Pedro Sánchez verspricht auf La Palma schnelle Hilfe

Spaniens Regierungschef Pedro Sánchez erklärte den Vulkanausbruch zur Chefsache, sagte kurzfristig seine geplante Reise zur UNO-Vollversammlung in die USA ab, und traf noch am Nachmittag des 19. September auf La Palma ein, um die Entwicklung der Lage vor Ort zu verfolgen.

Er versicherte den Kanarischen Inseln die Unterstützung der spanischen Regierung bei der Bewältigung dieser schwierigen Situation, und versprach nach einer ersten Besprechung mit dem kanarischen Präsidenten Ángel Víctor Torres und La Palmas Cabildo-Präsident Mariano Hernández Zapata, dass die materiellen Verluste so schnell wie möglich ersetzt werden. Das Wichtigste, so Sánchez, sei nun der Schutz der Bevölkerung. Sánchez reiste in Begleitung von Innenminister Fernando Grande-Marlaska nach La Palma und besuchte Notunterkünfte, in denen die mittlerweile mehr als 5.000 Evakuierten – darunter auch mehrere Hundert Touristen und ausländische Residenten – der betroffenen Dörfer untergebracht sind.

Präsident Pedro Sánchez sprach mit Betroffenen in Notunterkünften. Fotos: EFE
Präsident Pedro Sánchez sprach mit Betroffenen in Notunterkünften. Foto: EFE

Das Königspaar wird am 23. September die betroffenen Gebiete auf La Palma besuchen

Auch König Felipe VI. hat seine Solidarität mit den Betroffenen auf La Palma erklärt und mitgeteilt, dass er im permanenten Kontakt mit Pedro Sánchez stehe, um über die Lage auf der Insel informiert zu bleiben. Letzten Meldungen zufolge soll das Königshaus am 21. September angekündigt haben, dass König Felipe und Königin Letizia am Donnerstag, dem 23. September nach La Palma reisen werden, um sich vor Ort ein Bild der Lage zu machen, mit Betroffenen und Vertretern der kanarischen Regierung, der Inselverwaltung und der Gemeinden zu sprechen.

EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen sicherte aus den USA ebenfalls Solidarität zu und bot Spanien zusätzliche Hilfe an, falls diese nötig werde.

Mehr als 1.000 Häuser gefährdet – mindestens 166 wurden bereits von der Lava verschlungen

Die Naturkatastrophe erreicht von Stunde zu Stunde ein neues Ausmaß. Allein in den ersten 24 Stunden wurden mehr als 100 Häuser – darunter viele Hauptwohnsitze, aber auch Ferienhäuser und viele andere Gebäude – unter den Lavamassen, die sich ungehindert ihren Weg zum Meer bahnen, begraben. Auch mehrere Schulen wurden beschädigt. In den 20 Schulen in El Paso, Los Llanos de Aridane und Tazacorte fällt der Unterricht bis auf Weiteres aus. Die über 1.100 Grad Celsius heiße Masse wälzt sich langsam in Richtung Meer und zwingt zu weiteren Evakuierungen.

Menschen versuchen verzweifelt, wenigstens einen Teil ihres Hausrats zu retten. Fotos: EFE
Menschen versuchen verzweifelt, wenigstens einen Teil ihres Hausrats zu retten. Foto: EFE

Bei Redaktionsschluss näherte sich die enorme Lavazunge zusehends einem der am dichtesten besiedelten Gebiete am Rande von Los Llanos, Todoque. Bis zu 1.000 Häuser sind in Gefahr, beschädigt oder zerstört zu werden. Anwohner retteten mit Hilfe der Feuerwehr, dort wo es noch möglich war, wenigstens einen Teil ihres Hab und Guts, zumindest das, was ins Auto passte, Ausweise, wichtige Unterlagen und wenig mehr. Alles andere mussten sie zurücklassen. Auch Tiere, komplette Ziegenherden, Kühe, Rinder und Schweine wurden in Sicherheit gebracht. Mittlerweile sind sieben Straßen im betroffenen Gebiet gesperrt worden, weil sie unpassierbar sind oder Abschnitte komplett zerstört wurden.

Der kanarische Regierungschef versprach den Bürgerinnen und Bürgern, die ihre Häuser verlieren, diese zu ersetzen. Die Regionalregierung wolle schnellstmöglich ein entsprechendes Gesetzesdekret auf den Weg bringen, welches es ermöglicht, beschädigte Häuser schnell zur reparieren. Was mit all den Familien geschieht, deren Häuser mitsamt Inhalt komplett zerstört, bzw. regelrecht ausgelöscht wurden, ist noch unklar.

Während sich die Lavamassen ihren Weg zur Küste bahnen, werden immer mehr Orte evakuiert. Fotos: EFE
Die Lavamassen machen auch Straßen unpassierbar. Fotos: EFE

Das Magma drängt weiter nach oben

Unterdessen haben Wissenschaftler mitgeteilt, Messungen hätten ergeben, dass der Druck unter der Erde weiter zunimmt. Eine Erdoberfläche hatte sich bis 20. September um 20 Zentimeter angehoben, vier Zentimeter mehr als am Vortag. Vulkanologe Vicente Soler hofft, dass das schlimmste Szenario nicht eintritt und das Magma durch die bisherigen Schlote an die Oberfläche tritt und sich nicht einen weiteren Weg sucht. Doch wie sich der neue Vulkan tatsächlich verhalten wird, bleibt auch für die Wissenschaftler nicht vorhersehbar. Auch bleibt ungewiss, wie lange der Vulkanausbruch dauern wird. Die letzte Eruption auf der Insel, die des Vulkans Teneguía vor 50 Jahren dauerte 24 Tage.

Die Vulkanrisikoampel bleibt auf rot geschaltet, während sich die bis zu sechs Meter hohe ­Lavazunge langsam Richtung Küste bewegt. Bei Redaktionsschluss schien es immer wahrscheinlicher, dass sie auf ihrem Weg den Ort Todoque größtenteils unter sich begraben wird. Es war erwartet worden, dass die Lava gegen Nachmittag am 20. September die Küste erreicht, doch der Strom verlangsamte sich, sodass nun damit gerechnet wird, dass das glühende Gestein in der Nacht vom 21. auf den 22. September das Meer erreicht.

Der Südwesten La Palmas ist Katastrophengebiet

Unmittelbar vor Redaktionsschluss wurde bekannt, dass das betroffene Gebiet im Südwesten von La Palma zum ­Katastrophengebiet erklärt wurde. Der kanarische Präsident bestätigte dies im Anschluss an eine Videokonferenz mit der EU-Kommissarin für Kohäsion und Reformen, Elisa Ferreira. Damit eröffnet sich für die Insel die Möglichkeit, Mittel aus dem Solidaritätsfonds der Europäischen Union zu beantragen.

Während sich die Lavamassen ihren Weg zur Küste bahnen, werden immer mehr Orte evakuiert. Fotos: EFE
Das Gebiet des Vulkanausbruchs. Foto: EFE

In einer Pressekonferenz um 13.30 Uhr am 21. September, erklärte Präsident Sánchez, dass er nach seiner Reise zur UN-Vollversammlung in die USA am Dienstagnachmittag bereits am Donnerstag wieder nach La Palma zurückkehren wird, um das Geschehen auf der Insel weiterzuverfolgen.

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