La Palma genehmigt Aufnahmen für Dokumentarfilm über Tsunami


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BBC will Quotenpotenzial der Katastrophenprognose erneut nutzen

Sieben Jahre sind vergangen seit die Weltöffentlichkeit sich mit Erstaunen die These des Briten Bill McGuire anhörte, die in einer Sendung der BBC ausgestrahlt wurde. McGuire ist Vulkanologe und Direktor des Benfield Hazard Research Center am University College London. Mit seiner Theorie über ein Abbrechen der Westflanke der Insel La Palma als Folge eines Vulkanausbruchs und eine sich dadurch entwickelnde Monsterwelle sorgte er damals dafür, dass die Insel weltweit Schlagzeilen machte.

Kanarische Forscher und auch viele andere Experten aus aller Welt reagierten mit Kritik. Der kanarische Vulkanologe Juan Carlos Carracedo und auch sein englischer Kollege Robert Tilling wiesen die These als übertrieben zurück.

Nach der Flutkatastrophe am zweiten Weihnachtsfeiertag 2004 rückten verschiedene Medien die Tsunami-Theorie von McGuire erneut in den Vordergrund. Auch das deutsche Magazin Focus sprach mit dem Forscher und veröffentlichte das Interview mit dem Titel „Tsunami vor den Toren Europas“.

Offenbar will nun die BBC das Quotenpotenzial dieser Katastrophenprognose wieder einmal nutzen. Im Rahmen der Sendung „10 things you didn’t know about tsunamis“ sollen Bilder von La Palma gezeigt werden. Dr. Iain Stewart, der durch die wissenschaftliche Sendung führt, wird darin unter anderem die Theorie von Bill McGuire aufgreifen. Die wissenschaftliche Reihe be-fasst sich mit den größten Wellen in der Geschichte und mit möglichen neuen Tsunami-Katastrophen.

Im Cabildo von La Palma wurde den Dreharbeiten für diesen Dokumentarfilm auch tatsächlich grünes Licht gegeben. Das Umweltressort der Inselverwaltung ließ wissen, dass es keine gesetzliche Grundlage für ein Verbot der Filmaufnahmen gab. „Wenn das Filmteam die festgelegten Auflagen erfüllt, können wir es nicht verhindern“, sagte der Umweltbeauftragte der Insel, Julio Cabrera. Natürlich sei man auch bei der Inselverwaltung nicht erfreut über eine solche Negativ-Propaganda, es sei jedoch einfach unvermeidbar gewesen. „Wir haben keine Argumente, um die Filmaufnahmen abzulehnen“, sagte er.

Der Direktor des obersten spanischen Forschungsrats (CSIC), Dr. Juan Carlos Carracedo, hat sich hierzu äußerst kritisch geäußert, denn solche Sendungen tragen seiner Meinung nach nur zur weiteren Verbreitung „irrealer Katastrophenthesen ohne jegliche wissenschaftliche Grundlage“ bei. Er bedauerte, dass die zuständigen Behörden auf La Palma nicht mit fundierten wissenschaftlichen Argumenten dagegen vorgehen.

Immerhin ist Carracedo selbst Autor einer Studie über die vulkanologischen Risiken auf La Palma.

Im Januar 2005 führte das Wochenblatt ein Interview mit Dr. Juan Carlos Carracedo. Damals antwortete er auf die Frage nach seiner Meinung zu der Katastrophenthese von Bill McGuire:

„Die unvorstellbare Tragödie, die sich in Südostasien ereignet hat, wurde schamlos ausgenutzt, um die defätistischen Theorien über einen riesigen Bergrutsch auf La Palma und den dadurch ausgelös­ten Tsunami wieder auszugraben und mit viel Getöse in den internationalen Medien breitzutreten.

Nach der längst überholten Theorie von McGuire würde beim nächsten Ausbruch des Cumbre Vieja ein Block von der Größe der Man-Insel abbrechen – bewegen tue er sich bereits jetzt, so der Wissenschaftler – und ins Meer stürzen. Die dadurch verursachte Welle wäre bis zu einem Kilometer hoch und würde die Kanaren innerhalb weniger Minuten restlos unter sich begraben. Mit bis zu 600 km/h würde sie weiter über den Atlantik rasen und an der amerikanischen, afrikanischen und europäischen Küste noch höher sein als die Tsunami-Wellen, die vor wenigen Wochen Sumatra überschwemmten. Die Opferzahl läge in Millionenhöhe und die Sachschäden würden bei zwischen 2,5 und 3,5 Billionen Euro liegen, was eine „schlimmere Wirtschaftskrise als die von 1929 zur Folge hätte“.

Diese schwarzmalerische Theorie diente dem US-Bestsellerautor Patrick Robinson als hervorragende Grundlage für seinen im Mai 2004 erschienenen Roman „Scimitar SL2“ (Die Filmrechte liegen in Hollywood. Anm.d.Red.) Er handelt von internationalen Terroristen, die die USA angreifen wollen, indem sie von dem U-Boot Cimitarra SL einen Nukleartorpedo auf den Cumbre Vieja-Gipfel auf La Palma schießen, um einen Riesen-Tsunami auszulösen.

Tatsächlich handelt es sich bei dem Cumbre Vieja um einen schnell wachsenden Vulkan. Es ist auch wissenschaftlich erwiesen, dass die ozeanischen Intraplatten-Vulkaninseln (Hawaii, Réunion, Kanaren etc.) exzessive Wachstumsphasen durchlaufen, die zu geologischer Instabilität führen. Das Gleichgewicht wird wieder hergestellt, indem große Stücke der Insel ins Meer fallen. Hier ist jedoch von geologischen Zeiträumen die Rede, die hunderttausende von Jahren umfassen. Deswegen kommen diese geologischen Ereignisse auch extrem selten vor, so selten, dass sie zu Menschenzeiten noch nicht stattgefunden haben.

Der letzte gewaltige Berg­rutsch von La Palma ereignete sich vor 550.000 Jahren. Damals entstand die Caldera de Taburiente und das Tal Valle de Aridane. Auch das letzte derartige Ereignis auf den  Kanaren liegt bereits über 100.000 Jahre zurück und bewirkte die El Golfo-Senkung auf El Hierro. Es ist also hier von einer Bedrohung die Rede, deren Wahrscheinlichkeit, wie bei anderen globalen geologischen Vorkommnissen, auf die nächsten Tausende von Jahren bezogen absolut unerheblich ist.

Es gibt vielmehr solide Argumente, die annehmen lassen, dass selbst wenn ein derartiges Ereignis stattfindet, das Ausmaß und die Folgen weit weniger schrecklich sein werden, als es die Terrormeldungen glauben machen wollen. Es gibt nicht einen einzigen wirklichen Hinweis darauf, dass sich die Westflanke des Cumbre Vieja löst oder dass die Risse, die bei dem Vulkanausbruch von 1949 entstanden, mehr als nur oberflächlich sind. Im Gegenteil, mit hochentwickelten GPS-Sys­temen durchgeführte Untersuchungen haben ergeben, dass keine wesentlichen Veränderungen stattfinden. Es stimmt auch nicht, dass ein erneuter Vulkanausbruch auf La Palma, der nicht vorauszusagen ist, eine derartige Katastrophe auslösen wird. Nach der Eruption von 1949 fand bereits 1971 in dem selben Gebiet ein erneuter Vulkanausbruch statt, wieder ohne nennenswerte Folgen. Andererseits lässt die geologische Entwicklung des Cumbre Vieja eher auf eine stabile Veränderungsphase der Geländebeschaffenheit bzw. auf ein langsames vertikales Abrutschen schließen. Das passiert beispielsweise derzeit beim Kilauea-Vulkan auf Hawaii. Es kann sogar sein, dass die Phase des Abrutschens zwar beginnt, aber gleich wieder endet, wie es vor etwa 200.000 Jahren beim San Andrés auf El Hierro der Fall war. Es ist auch eher unlogisch anzunehmen, dass nur ein einziger großer Block abbrechen würde. Viel wahrscheinlicher ist, dass zahlreiche kleinere Teile abrutschen, was einen enormen Energieverlust zur Folge hätte.

All diese Argumente sind Professor McGuire bestens bekannt. Er nahm 1997 an einem internationalen Kongress auf La Palma teil, bei dem es um die Stabilität der ozeanischen Vulkaninseln ging und eben dieses Thema angesprochen wurde. Die Schlussfolgerungen waren eindeutig: Es gibt keine Anzeichen dafür, dass der Cumbre Vieja ein besonders instabiler Vulkan ist, er muss jedoch eingehend, ständig und vor allem adäquat ausgerüstet überwacht und untersucht werden. All diese Schlussfolgerungen wurden 1999 in einer Sonderausgabe des Journal of Volcanology and Geothermal Research veröffentlicht. Viele Experten sind der Ansicht, dass die durch plötzliche Bergrutsche ausgelösten Tsu­namis sich sehr viel schneller wieder auflösen als die, die von so gewaltigen Seebeben bewirkt werden, wie dem das am 26. Dezember vor Indonesien stattfand. Georga Pareras, einer der weltweit anerkanntes­ten Tsu­nami-Experten, ist der Ansicht, dass McGuires Theorie auf „nicht korrekten Parametern“ gründet, die zu der Schluss­folgerung eines „völlig übertriebenen Katastrophen-szenariums“ verleitet haben, „das das Interesse der Medien auf unangebrachte Art und Weise geweckt hat“. Charles Mader, einer der besten Experten auf dem Gebiet der Simulation von Bergrutschen anhand von Modellen, hat beim schlimmstmöglichen Szenarium auf La Palma nur eine Welle nachweisen können, die beim Erreichen der amerikanischen Küste gerademal einen Meter hoch sein würde. (…)“




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