Weshalb das „Gran“ in Gran Canaria?


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Eine dokumentarische Richtigstellung von Buchautor Peter Borschberg

Bei geographischen Bezeichnungen bedeutet „Gran“ eine zum Nachbarn vergleichsweise größere Flä­chenausdehnung. Schon sehr früh nahm man daran Anstoß, dass „Gran“ für die Insel Gran Canaria nicht zutrifft, weil sie nur die drittgrößte des Archipels ist.

Das Epitheton „Gran“ wurde deshalb seit langem, aber fälschlich, wie bei Personennamen gedeutet, nämlich mächtig, einflussreich.

Öl in den schwelenden Brand schüttete 1773 Joseph de Viera y Clavijo durch seine vierbändigen Noticias de la Historia General de Las Islas Canarias (I. 44) in welcher er die Meinung vertritt, die Insel Gran Canaria verdiene das Attribut „Gran“ wegen ihres Ruhms und der Würde der Hauptstadt, in welcher sich die weltliche und kirchliche Hauptverwaltung befinden. Diese Erklärung ist jedoch völlig unrichtig, denn das Attribut „Gran“ ist älter als die 1478 gegründete Hauptstadt. Wie kam es zu diesem Missverständnis?

Eine Atlantikinsel unter dem Namen Canaria war seit Beginn der christlichen Zeitrechnung bekannt. Wie sie bei römischen Geographen früher hieß, kann man bei Sebosus (100 v. Chr.) nachlesen. Die frühen Kartographen wussten nur, dass Canaria zum Archipel der Glückseligen Inseln (Insulae Fortunatae) gehörte, aber nicht genau, wo sich diese Inselgruppe befindet. Ptolemaios positionierte sie im 2. Jahrhundert auf der Höhe von Kap Verde. Die älteste „moderne“ Karte aus dem Jahr 1367 verleiht den Namen Canaria der Insel Madeira.

Die Glückseligen Inseln (Castellano: Islas Afortunadas) verloren bald nach ihrer Entdeckung durch europäische Seefahrer ihren ursprünglichen Namen. Bereits auf der Cresques-Karte von 1375 werden die Inseln gesamthaft als Canaria bezeichnet, zusätzlich zur Insula de canaria. In der päpstlichen Breve vom 22. Februar 1403, in welcher Jean de Béthencourt und Gadifer de la Salle mit der Christianisierung der Inseln beauftragt wird, verwendete Benedict XIII ebenfalls die Bezeichnung insulas canarie für den Archipel. Namentlich erwähnt wird darin aber nur die für ihn damals wichtigste Insel, Lanzarote, weil der Bischof in Rubicon seinen Sitz hatte. Die vollständige Bezeichnung Canarie Insu(le) findet man auf einer italienischen Portolankarte von ca. 1502, die Amerigo Vespucci zugeschrieben wird. 

Die für 1375 dokumentierte Ausdehnung des Inselnamens Canaria auf den gesamten Archipel deutet darauf hin, dass die namengebende Insel von frühen Seefahrern als die größte betrachtet wurde. Um die Insel vom Archipel zu unterscheiden, fügte man bereits Ende des 14. Jahrhunderts das Attribut „Gran“ hinzu und dieses soll auch auf einer anonymen, gegenwärtig nicht mehr auffindbaren Karte von 1460 enthalten sein. Mit Sicherheit finden wir grancanaria auf der authentisch signierten und datierten Karte von Jorge de Aguiar aus dem Jahr 1492, also vor mehr als 500 Jahren.

Das Attribut „Gran“ wurde nicht aus machtpolitischen Gründen gewählt, sondern im guten Glauben, dass diese Insel flächenmässig die größte sei. Man braucht nur einen Blick auf die damaligen Karten zu werfen. Weder in Lis-sabon noch in Sevilla kannte man damals die wahre Größe der Inseln.

Nur ein neidischer Kleingeist würde der Insel Gran Canaria die nun seit mehr als einem halben Jahrtausend bestehende Zusatzbezeichnung „Gran“ streitig machen, weil sie heute nicht die größte, fruchtbarste oder bevölkerungsreichste ist. Jede der sieben kanarischen Inseln hat ihre Eigenart und Vorzüge und jeder kann sich unter den Glückseligen Inseln die ihm als glücklichste erscheinende aussuchen.

Wenn man die Insel Gran Canaria auf den attributlosen Namen Canaria umbenennen würde (ursprünglich hieß sie Planaria und hatte nichts mit Hunden zu tun), müsste man, um einer Verwechslung vorzubeugen, den Archipel auf den alten Namen in castellanischer Schreibweise, „Islas Afortunadas“, zurückbenennen.

Peter Borschberg

San Miguel de la Palma

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Bruderkrieg

Dass die beiden Hauptinseln des Archipels, Teneriffa und Gran Canaria, seit jeher eine Art Konkurrenzkampf führen, äußert sich meist nur in Sachen Fußball oder Karneval. Ansonsten fühlt sich der Großteil der Bevölkerung beider Inseln gemeinsam als Canarios, und kleine Spitzen und Sticheleien sind meist nicht wirklich ernst gemeint.

Seit einigen Jahren aber führt die Zeitung El Día auf Teneriffa ihren ganz persönlichen Kampf gegen Gran Canaria. Aus den Editorials ihres Herausgebers und Direktors liest sich eine radikale Denkweise heraus. In den Artikeln geht es meist um die Forderung der Unabhängigkeit des kanarischen Archipels und die Gründung eines eigenständigen Staates, aber auch oft um Gran Canaria. So ist der Herausgeber der meistgelesenen Zeitung der Kanarischen Inseln allgemein für seine hetzerischen und provokativen Artikel bekannt. Unzählige Male hat er in teils seitenlangen Leitartikeln gefordert, dass der Insel Gran Canaria das Adjektiv „Gran“ (groß) aberkannt wird und sie – nachdem schließlich Teneriffa die größte Insel des Archipels ist – wieder in ihren von ihm in historischen Archiven nachgeforschten Namen „Ca­naria“ umgetauft wird.

2008 gipfelten diese schriftlichen Ergüsse in einer Anzeige der Staatsanwaltschaft Santa Cruz de Tenerife gegen El Día. Kurz zuvor hatte auch das kanarische Parlament sich von den Meinungsäußerungen der Zeitung distanziert, indem eine Resolution „gegen die Attacken auf die Einheit der Canarios, die Würde Gran Canarias und seiner Einwohner sowie die xenophobe Haltung und die Aufhetzung zur Auflehnung gegen die Verfassung der Zeitung El Día“ verabschiedet wurde.




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