Nachbarn stoppen Gerichtsvollzieher


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Zwangsräumungen: Selbstmorde, Bürgerinitiativen, Proteste

Nachbarn und Vertreter von „Stop Desahucios“, einer Bürgerplattform gegen Zwangsräumungen, haben in Las Palmas die drohende Räumung der Wohnung einer Frau, die mit ihrer minderjährigen Tochter dort lebt, vorübergehend abgewendet.

Die Frau, die man öffentlich nur unter dem Vornamen Reina kennt, ist langzeitarbeitslos und außerdem ein Opfer häuslicher Gewalt.

Als Gerichtsvollzieher und Polizei kamen, um die Räumung durchzusetzen, waren mehrere Dutzend Nachbarn, Freunde und Vertreter der Bürgerplattform schon vor der Tür versammelt. Deren Sprecher gelang es, eine Verschiebung der Räumung auszuhandeln.

Kaum Hilfe von den Behörden

Die Stadtverordnete für die Sozialdienste von Las Palmas hat sich nun ebenfalls eingeschaltet und Hilfe zugesichert. Sie betonte, für sie sei es eine Frage der Menschlichkeit und vorrangig, dafür zu sorgen, dass Mutter und Kind nicht obdachlos würden.

Bisher war die einzige Unterstützung, die Reina von offizieller Seite erhalten hatte, das Angebot, ihre Tochter getrennt von ihr in einer Betreuungsmaßnahme für Jugendliche unterzubringen.

Die besonderen Umstände hatten die Aktivisten von „Stop Desahucios“, die sich sonst nur um Hypothekenschuldner und Zwangsräumungen durch Banken kümmern, dazu bewegt, sich dieses Falles anzunehmen. Nach ihren Informationen hatte der Vermieter, eine Immobilienfirma, die Konditionen des Mietvertrages für das heruntergekommene Gebäude, das die Mieter selbst instand gesetzt hatten, in unzulässiger Weise verändert und dann die Räumung betrieben.

Wegen der Krise geraten immer mehr Menschen in finanzielle Schwierigkeiten und können die  Raten ihrer Hypothek oder die Miete nicht mehr zahlen. In der Folge kommt es zu immer mehr Zwangsräumungen von Wohnungen und Häusern.

Immer mehr Selbstmorde

Damit steigt langsam aber merklich auch die Zahl der Selbstmorde, die im Zusammenhang mit einer bevorstehenden Räumung begangen werden. Allein im Februar gingen fünf Selbstmorde dieser Art durch die spanische Presse.

Einer der jüngsten Fälle ist der eines Ehepaars von 67 und 68 Jahren auf Mallorca. Sie hatten einen Bescheid erhalten, der ihnen die Zwangsräumung ihrer Wohnung ankündigte und es vorgezogen, gemeinsam aus dem Leben zu scheiden, so steht es nach Angaben der Guardia Civil in einem Abschiedsschreiben der beiden.

Nur einen Tag später tötete sich ein 55-jähriger Mann in Alicante. Er wurde von der Gerichtsabordnung, die im Zuge der Zwangsräumung seine Haustür hatte öffnen lassen, erhängt in seinem Wohnzimmer vorgefunden. Der Mann war ein arbeitsloser LKW-Fahrer, wohnte seit fünf Jahren in der Wohnung und hatte Mietschulden in Höhe von 24.000 Euro angesammelt.

Er konnte nicht mehr

Auch ein 56-jähriger Mann aus dem Baskenland, der seine Hypothek nicht mehr bezahlen konnte und dem schon Wasser und Strom abgestellt worden waren, nahm sich das Leben. In seinem Abschiedsbrief an die Familie hieß es, er könne nicht mehr.

Ein 36-jähriger Familienvater aus Córdoba, der sich auch bei „Stop Desahucios“ engagiert hatte, stürzte sich aus dem vierten Stock des Gebäudes, in dem er wohnte, mit dem Zwangsräumungsbescheid in der Hand. Es war nicht seine erste Verzweiflungstat. Vor einer Filiale der Bank Caja Sur hatte er schon einmal versucht, sich die Kehle durchzuschneiden.

Die tragischen Selbstmorde von Menschen, die nicht mehr wissen wohin, üben mittlerweile auch Druck auf die Zentralregierung aus. Die Bürgerplattform „Stop Desahucios“ hat im Kongress eine Bürgerinitiative eingebracht, welche die Verabschiedung eines Gesetzes beschleunigen soll, das die krisenbedingte Serie von Zwangsräumungen beendet.




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