Las Palmas’ Traum ist geplatzt


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San Sebastián wird zusammen mit Breslau europäische Kulturhauptstadt 2016

Die Initiative „Kulturstadt Euro­pas“ (heute Kulturhauptstadt Euro­pas) wurde 1985 ins Leben gerufen und ist eine Kulturinitiative der Europäischen Union. Sie soll die Annäherung und das gegenseitige Verständnis der Bürger aller europäischen Länder fördern. Jeweils zwei Städte europäischer Staaten teilen sich für ein Jahr den Titel. In diesem Jahr sind es Turku in Finnland und Tallinn in Estland. 2016 werden es nun San Sebastián in Spanien und Breslau in Polen sein.

Am Spätnachmittag des 28. Juni gab Manfred Gaulhofer, Vorsitzender des Auswahlkomitees der europäischen Kulturhauptstadt 2016, die Entscheidung bekannt. Die Nachricht, die in San Sebastián mit Jubel aufgenommen wurde, löste eine Welle der Enttäuschung in den fünf ausgeschiedenen Städten aus. So auch in Las Palmas de Gran Canaria, wo im Edificio Miller im Parque Santa Catalina die Entscheidung aus Brüssel auf zwei Großleinwänden live übertragen wurde. Die Jury aus 13 Kulturexperten hatte sich schließlich für Donostia-San Sebastián entschieden. Las Palmas ist raus, aus der Traum.

Während einige der im Edificio Miller versammelten Inselpolitiker ihre Enttäuschung hinter zurückhaltenden Kommentaren und der Übermittlung der Glückwünsche an den Titelträger San Sebastián verbargen, gaben sich andere wie Regionalregierungspräsident Paulino Rivero und Ex-Bürgermeister und Förderer der Kandidatur von Las Palmas, Jerónimo Saavedra, wenig Mühe ihren Ärger im Zaum zu halten.

Las Palmas’ neuer Bürgermeister Juan José Cardona drückte sein Bedauern über die Entscheidung der Jury aus, da es in der Stadt eine große Begeisterung für den Titel gegeben habe. Er beglückwünschte die Gewinnerstadt San Sebastián, „die unabhängig von den politischen Umständen, über die derzeit diskutiert wird, ebenfalls mit einem großartigen Projekt kandidierte“. Für Las Palmas, so Cardona, sei die Kandidatur trotz allem positiv gewesen, da sich die Stadt dadurch weiterentwickelt habe. Die dabei hervorgetretenen Werte wie Einheit, Zusammenhalt, Fleiß und Arbeit müssten auch für die Entwicklung zukünftiger Projekte beibehalten werden, mahnte er. Diese Erfahrung habe gezeigt, dass Kultur den Zusammenhalt und die Entwicklung einer Stadt fördern kann und sei nun eine neue Vorgabe, denn „mit und ohne den Titel ist und bleibt Las Palmas eine europäische Kulturhauptstadt“.

Weit weniger verbindlich waren die Worte von Regierungschef Paulino Rivero nach der Urteilsverkündung. „Die Wahl ist auf die Stadt gefallen, die von Anfang an nicht dafür bestimmt war. Niemand hätte sich gewundert, wenn Córdoba gewonnen hätte, aber schlussendlich wogen die politischen Aspekte mehr als die Kohärenz der Europäischen Union, die gute Verbindungen zu Afrika und Amerika fördern will. Noch vor drei Monaten wäre die Entscheidung für Donostia-San Sebastián verständlicher gewesen [vor der Machtübernahme durch die ETA-nahe Partei Bildu. Anm. d. Red.]. Nun hat Europa eine hervorragende Gelegenheit verpasst, Las Palmas de Gran Canaria als Brücke zwischen Kulturen zu nutzen“, erklärte ein sichtlich enttäuschter Rivero kurz nach der Bekanntgabe der Wahl.

Jerónimo Saavedra, bis 22. Mai 2011 Bürgermeister der Stadt Las Palmas, machte ebenfalls keinen Hehl aus seiner Enttäuschung und stellte bitter fest, er sei der Ansicht gewesen, dass die Kultur nichts mit Politik zu tun haben dürfe.

Umstrittene Entscheidung

Die Initiative „Las Palmas – Bewerbung als europäische Kulturhauptstadt 2016“ wurde bereits 2008 ins Leben gerufen. Noch im Februar dieses Jahres zeigte sich Jerónimo Saavedra zuversichtlich, was die Chancen von Las Palmas anging. Mit wohlgesetzten Worten räumte er jeden Zweifel daran aus, dass das Ziel angesichts der Konkurrenz so geschichts­trächtiger Städte wie Córdoba, Burgos oder Saragossa mit ihrem historischen Potential ein bisschen hochgegriffen sein möge, und berief sich auf die vielen kulturellen Initiativen der Stadt, ihre historische Bedeutung und ihre Traditionen sowie ihren Anspruch auf ihre kulturelle Einbindung in das europäische Gefüge.

Nun hat keine dieser drei Städte Las Palmas den Rang abgelaufen, sondern die Kandidatur der baskischen Küstenstadt San Sebastián, die längst als Favorit im Rennen galt, in den letzten Wochen allerdings  durch den politischen Wechsel und die Machtübernahme von Bildu, die bei der Kommunalwahl am 22. Mai einen unerwarteten Triumph feiern konnte, ins Wanken geraten war.

Ausgerechnet der neue Bürgermeister der baskischen Metropole, Juan Karlos Izagirre vom umstrittenen separatistischen Linksbündnis Bildu, der gleich nach seinem Amtsantritt demonstrativ das Bild des Königs aus dem Plenarsaal des Rathauses entfernen ließ (siehe Artikel Seite 40), galt als möglicher Spielverderber. Es wurde darüber spekuliert, ob sich eine Kandidatur San Sebastiáns trotz Bildu durchsetzen könnte. Überraschenderweise war schließlich das genaue Gegenteil der Fall, und so mancher Zuhörer traute seinen Ohren nicht, als Manfred Gaulhofer bei der Begründung der Juryentscheidung für San Sebastián betonte, dass der „Kampf für den Frieden im Baskenland“ dabei berücksichtigt worden sei. Gaulhofer sagte bei der Verkündung des Ergebnisses: „Alle waren großartige Kandidaten, aber San Sebastián hatte etwas mehr. Sicherlich war einer der Aspekte die Idee, die Kultur für den Frieden und gegen die Gewalt einzusetzen.“ Diese Begründung ist längst nicht überall auf Verständnis gestoßen.

Ein „großartiger Irrtum“

Der Hinweis auf die Situation im Baskenland hat beispielsweise Umweltministerin Rosa Aguilar in Harnisch gebracht. Sie stammt aus Córdoba und war zwischen 1999 und 2009 Bürgermeisterin dieser Stadt, die sich mit besonders großem Einsatz um ihre Bewerbung bemüht hatte und als Favoritin galt. „Es ist ein wirklicher Irrtum, dass das Expertenkomitee beschlossen hat, sich für San Sebastián zu entscheiden und dafür politische Aktionen bewertete. Den Weg zum Frieden stärkt man auf andere Art. Man legt die Waffen nieder und erklärt das Ende der Feindseligkeiten. Hier ging es darum, die Hauptstadt der Kultur zu wählen“, sagte sie sichtbar verärgert.

Im Rathaus der Stadt Saragossa ist man sogar der Meinung, dass mit der Entscheidung gegen die Regeln des Europäischen Parlaments verstoßen wurde, genauer gesagt gegen den Artikel 9 des Reglements, das die Kriterien für die Wahl der Kulturhauptstädte festlegt. Bürgermeister Juan Alberto Belloch hat dem Kulturministerium inzwischen die Aufforderung zukommen lassen, die Mitteilung über die Wahl der Europäischen Kulturhauptstadt 2016 an die Jury zurückzusenden, da die Wahl von San Sebastián auf rein politischen Kriterien beruhe.

Der besagte Artikel 9 lege fest, dass kulturelle Zusammenarbeit, Diversität, gemeinsame europäische Aspekte und die Beteilung der Bürger an der kulturellen Entwicklung wichtige Maßstäbe für die Entscheidung sein müssen. Für Belloch handelt es sich bei der Entscheidung um einen schwerwiegenden Irrtum und daher hat er sich mit den vier Verliererkandidaten – Córdoba, Las Palmas, Segovia und Burgos – in Verbindung gesetzt und sie aufgefordert, sich seinem Protest anzuschließen. Sollte er beim Kulturministerium mit seiner Beschwerde auf taube Ohren stoßen, will er das einmal aufgestellte Programm seiner Stadt für das Jahr 2016 durchziehen und mit den vier übrigen Städten ein Netzwerk bilden, um Ideen und Erfahrungen auszutauschen.

Seine politischen Gegner haben die Aktion inzwischen verurteilt und werfen ihm vor, er wolle damit nur kaschieren, dass Saragossa die Wahl verloren hat.

Kulturministerin Ángeles González-Sinde erklärte nach Bekanntgabe des Ergebnisses: „Jede der Bewerberstädte hat ein Projekt entwickelt und jedes dieser Projekte war eine großartige Gelegenheit, um ihre kulturelle Landschaft neu zu gestalten. Sie unterstrich mehrfach, ihr Ministerium habe als Autorität für die Abwicklung der Bewerbungen seine Funktion korrekt erfüllt, sich um die Koordination mit der Europäischen Kommission bemüht und die unverzichtbaren Prinzipien der Neutralität und Transparenz stets im Auge behalten.




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