Fataler Mauereinsturz auf Gran Canaria fordert drei Tote


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Las Palmas verhängte zwei Trauertage und verlegte den Karneval

Es war gegen 6.00 Uhr morgens als einige der Anwohner der Hausnummern 25 und 27 der Straße Pancho Guerra im Ortsteil San Antonio ein Unheil verkündendes Geräusch hörten. Elena Rodríguez berichtete von „einem Geräusch wie Hagel auf dem Dach. Danach hörten wir einen enormen Donnerschlag und unser Haus bebte“.

Elena und ihr Mann Oscar gehören zu den Bewohnern, die den fatalen Mauereinsturz am 23. Februar in Gran Canarias Hauptstadt Las Palmas überlebten. Über drei Stunden lagen beide in ihrem eigenen, eingestürzten Haus im Dunkeln. Das Atmen fiel ihnen durch den vielen aufgewirbelten Staub schwer und Elenas Beine waren zwischen den Trümmern eingeklemmt. Feuerwehrmänner bargen die beiden Verletzten schließlich aus ihrem zerstörten Haus. Erst dann erkannten sie das wirkliche Ausmaß einer Katastrophe, die sie selbst nur durch Glück überlebt hatten. Die riesige Stützmauer hinter ihrem und weiteren vier Doppelhäusern im Duplex-Stil war eingestürzt und hatte die netten Häuschen mit Garten zum Teil unter sich begraben. Zehn Familien waren direkt betroffen.

Nachbarn standen im Schlafanzug auf der Straße, Feuerwehrleute eilten hin und her, Ambulanzen des kanarischen Notdienstes standen bereit, Polizisten hielten Schaulustige fern und sorgten auch dafür, dass die Anwohner nicht in ihre Häuser zurückkehrten.

Etwa fünfzig Menschen aus den umliegenden und benachbarten Häusern wurden vorsichtshalber in ein Hotel gebracht, denn die Stabilität der angrenzenden Gebäude schien durch die starke Erschütterung nicht mehr gewährleistet zu sein.

Im Schlaf überrascht

In den Trümmern suchten unterdessen Deutsche Schäferhunde nach Verschütteten. Ein Ehepaar und der 23-jährige Sohn, deren Haus von den Mauerbrocken demoliert worden war, wurden gesucht. Der Unternehmer José Francisco Jiménez und seine Frau Pino Ruiz sowie der Sohn Javier konnten nicht mehr rechtzeitig flüchten. Sie schliefen womöglich noch, als die Mauer einstürzte und ihr Haus begrub. Der ältere Sohn Alejandro (26) half den Rettungskräften, nach seinen Eltern und seinem Bruder zu suchen. Wahrscheinlich in der Hoffnung, sie doch noch lebend bergen zu können, wies er den Feuerwehrmännern den Weg zu den Schlafzimmern. Doch als die Spürhunde endlich anschlugen kam jede Hilfe zu spät.

Warum Alejandro Jiménez seine Familie verlor, ob es eine Nachlässigkeit beim Bau der Mauer war oder eine andere Ursache, die zu dem Einsturz führte, soll nun geklärt werden. Spezialisten untersuchen Mauerteile und das Gebiet um die zerstörten Wohnhäuser. Die riesige Stützmauer, die hinter den fünf Doppelhäusern emporragte, war 75 m lang und 25 m hoch. 3000 qm Stein stürzten auf die Wohnhäuser herab.

Die Duplex-Häuser mit Garten waren terrassenförmig den Abhang hochgebaut worden. Dass dieser Abhang hinter der Mauer Druck ausübte und zum Einsturz führte, gilt als nahezu ausgeschlossen, da es nach dem Mauerzusammenbruch nicht zu einem Erdrutsch kam. Architekten versicherten dagegen, dass die vor etwa 15 Jahren hochgezogene Stützmauer nach strengen Sicherheitskriterien gebaut wurde und äußerst stabil war. Was und wer nun die Schuld an der Tragödie trägt, soll eine Untersuchungskommission klären.

Inseltrauer

Die Stadt Las Palmas, am Unglücksort vertreten durch Bürgermeisterin Josefa Luzardo, die den Angehörigen der Toten ihr Beileid aussprach und andere Betroffene tröstete, verhängte zwei Trauertage. Die „Gala zur Wahl der Drag Queen“, ein Höhepunkt des Karnevals, wurde von Freitag auf Sonntag verschoben, und auch alle weiteren Karnevalsveranstaltungen der folgenden zwei Tage fielen aus.

Korrosion

Die erstenUntersuchungen am Unglücksort haben ergeben, dass der Einsturz möglicherweise darauf zurückzuführen ist, dass die Verankerungen der Mauer korrodiert waren und nachgegeben haben. Techniker bestätigten, dass an vielen Stellen verrostete Verankerungseisen gefunden wurden.  

Mauern

unter Verdacht

Die Tragödie im Ortsteil San Antonio hat die Frage aufgeworfen, wie sicher Stützmauern in Gran Canarias Hauptstadt sind. Experten bestätigen, dass immer mehr in extremer Hanglage gebaut wird, weil die Grundstücke knapper werden.

„Jeder hier will eine Terrasse mit Meerblick“, sagt der Architekt Agustín Juárez. „Es wird an steilen Abhängen und an Berghängen gebaut; doch wir müssen ernsthaft darüber nachdenken, wie wir bauen“, gibt er zu bedenken. Heutzutage, so Juárez, gibt es für jede architektonische Herausforderung eine Lösung, doch diese koste oft mehr Geld.

Agustín Juárez ist ebenso wie sein Kollege und Präsident der Architektenkammer von Las Palmas, Javier Mena, der Meinung, dass eine Untersuchungskommission für die Klärung der Unglücksursache in der Straße Pancho Guerra nicht ausreicht. Vielmehr müsse eine strenge Inspektion aller großen Stützmauern und Gebäude in extremer Hanglage durchgeführt werden, meinen die Experten.

Juárez verweist darauf, dass nicht nur Las Palmas de Gran Canaria von dem Phänomen der immer dichteren Bebauung der Hänge betroffen ist. Auch in Touristenorten wie beispielsweise Puerto Rico sind immer mehr Wohneinheiten in den Berg gebaut, und auch auf anderen Inseln existiert dieses Problem: „Auch in Santa Cruz de Tenerife gibt es dieselben Baugewohnheiten.“




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