„Am 20. August wurde ich neu geboren“


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Eindrücke einer kanarischen Überlebenden der Flugzeugkatastrophe in Madrid

Dass sie im Krankenhaus Infanta Sofía in Madrid auf die Entbindungsstation gelegt wurde, fasste Beatriz Reyes als Zeichen auf. Die Ärzte meinten, dort hätte sie mehr Ruhe, denn im Krankenhaus wimmelte es nur so von Paparazzi, die es auf die 41-jährige Frau von Gran Canaria abgesehen hatten. Einige gaben sich als Familienangehörige aus, um bis zu ihrem Zimmer vorzudringen, ein anderer versuchte es gar mit einem Blumenstrauß. Das Medieninteresse war begründet, denn Beatriz Reyes ist eine der 18 Überlebenden des Flugzeugunglücks in Madrid.

Wie durch ein Wunder entkam sie dem Inferno am Barajas-Flughafen mit nur leichten Verletzungen – einem offenen Beinbruch und Prellungen. „Als ich aufschaute, hatte das Flugzeug kein Dach mehr“, berichtete sie ihrer Schwester, die sie unmittelbar nach dem Unglück mit einem geliehenen Handy anrufen und beruhigen konnte.

Die Geschichte von Beatriz steht im krassen Gegensatz zu dem Schicksal von 154 anderen Passagieren der Spanair-Maschine, die am 20. August auf die Startbahn des Madrider Flughafens stürzte. Sie überlebten den Aufprall und die anschließende Explosion nicht. 79 Todesopfer stammten von Gran Canaria. Bei Redaktionsschluss befanden sich noch 13 teils schwer Verletzte in verschiedenen Krankenhäusern in Madrid und auf Gran Canaria.

Der Fall von Beatriz Reyes Ojeda klingt wie ein Wunder. Die 41-jährige Sparkassen-Filialleiterin von Gran Canaria belegte auf dem Spanairflug JK5022 der MD-82 von Madrid Barajas nach Gando auf Gran Canaria den Sitz mit der Nummer 5D. Knapp eine Woche nach dem schrecklichen Unglück wurde Beatriz aus dem Krankenhaus Infanta Sofía in Madrid entlassen. Zuvor trat sie im Krankenhaus vor die Presse und bewies erstaunliche Tapferkeit. Obwohl sie im Rollstuhl in den Saal geschoben wurde, konnte sie diesen anschließend aus eigener Kraft verlassen und einige Schritte humpeln. Und sie brachte sogar ein Lächeln zustande, denn immerhin ist sie überglücklich darüber, am Leben zu sein. Sie erklärte, dass sie innerlich durch Gefühle zerrissen sei, denn einerseits empfinde sie eine enorme Freude über ihr Überleben, andererseits tiefe Trauer über das Geschehene. „In meiner Heimat treffen die Leichen der Opfer ein und ich komme zu Fuß nach Hause. Ich freue mich darüber, dass ich am 20. August neu geboren wurde, aber bedaure zutiefst was an diesem Tag geschah. Ich hätte gewollt, dass ebenso wie ich alle anderen das Flugzeug verlassen können“, sagte Beatriz den Reportern.

„Ich habe mich ganz fest an den Sitz geklammert“

An den Absturz hat Beatriz nur eine schwache Erinnerung. Nach dem abgebrochenen Start schien beim zweiten Startversuch alles ganz normal, und die starke Erschütterung „bei der mir der Magen hoch und wieder runterrutschte“ sei ohne Vorwarnung gekommen. Danach erinnert sich Beatriz nur noch daran, sich ganz fest an den Sitz geklammert zu haben. Das nächste was sie wahrnahm waren Stimmen und Hilferufe. Sie habe tief durchgeatmet, sich aus dem Sitz befreit und ihrem Schutzengel ein Dankesgebet geschickt. Hinter ihr riefen zwei kleine Kinder um Hilfe und Beatriz befreite sie aus den Trümmern der Maschine, durch die sie eingeklemmt waren. „Jeder andere hätte in dieser Situation dasselbe getan“, versicherte Beatriz, die bei dem Unglück eine Beinverletzung erlitt. Die Zeit die verging, bis die Rettungskräfte eintrafen, erschien ihr unendlich, obwohl es nur wenige Minuten waren. „Es lag ein fürchterlicher Brandgeruch in der Luft und die Menschen riefen um Hilfe“.

Heimflug mit Iberia

Genau eine Woche nach dem fatalen Absturz in Madrid bestieg Beatriz Reyes auf dem Flughafen Barajas erneut ein Flugzeug. Diesmal eine Maschine der Iberia – „weil es eben so gepasst hat“, gab sie verbindlich Auskunft –, die sie endlich zurück nach Hause brachte. Nach der Landung auf dem Flughafen Gando nahm sich Beatriz auch Zeit für die lokalen Medien, deren Reporter sie schon erwarteten. Natürlich wurde die Frage nach der Flug­angst gestellt und danach, was für ein Gefühl es gewesen sei, erneut ein Flugzeug zu besteigen.  „Ich habe nichts Spezielles dabei gefühlt, vielleicht war ich etwas erwartungsvoll wäh­rend des Starts und weil die übrigen Passagiere mich beobachteten“, gab sie Auskunft.

Zu dem großen Glück das Beatriz Reyes am 20. August hatte, kann als kleine Anekdote noch hinzugezählt werden, dass die Polizei in Madrid ihr sogar ihren Koffer ins Krankenhaus brachte, der bei den Bergungsarbeiten gefunden worden war.

Beatriz hatte in diesem Sommerurlaub eine Reise nach Südafrika unternommen und war von Johannesburg über Frankfurt nach Madrid geflogen, von wo aus sie den Spanairflug JK5022 nach Gran Canaria gebucht hatte.

Nachdem sie nun endlich ihre Familie in die Arme schliessen konnte hofft sie, dass der Medienwirbel um ihre Person bald nachlässt. „Heute bin ich Nachricht, doch ab morgen will ich wieder wie früher sein und mein Gemüse einkaufen gehen wie jeder andere auch“, lautete ihr Appell an die Presse.




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