Es ist noch nicht zu spät!


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Umweltprophet Al Gore beeindruckt kanarische Zuhörerschaft in Las Palmas und Santa Cruz

Dass der Umweltprophet, der weltweit über den Klimaschutz und die verheerenden Folgen nicht rechtzeitiger Maßnahmen gegen die globale Erwärmung predigt, ausgerechnet aus den USA kommt, die bekanntlich der größte Umweltsünder sind, ist schon ein Widerspruch.

Trotzdem sprechen der Einsatz, die Leidenschaft, Entschlossenheit und Klarheit mit der Al Gore in seiner Multimediapräsentation „Eine unbequeme Wahrheit“ an das Gewissen seiner Zuhörer appelliert, eine klare Sprache.  Ohne es zu hollywoodschen Übertreibungen kommen zu lassen, aber immerhin in sehr nordamerikanischer Manier schafft es Al Gore durchaus, mit seinem Katastrophenbericht zu erschüttern. Und das ist auch sein Ziel. Denn ist es nicht scheinbar so, dass sich die Menschen nur durch Katastrophen aufrütteln und zur Vernunft bringen lassen?

Angesichts der Standing Ovations die der ehemalige US-Vizepräsident nach seinem Vortrag im Auditorium auf Teneriffa erntete, sollte man schließen, dass er es vermag, seine Zuhörer zu bekehren.

Politiker, Unternehmer, Umweltschützer und auch der eine oder andere Neugierige, der sich die 150 Euro teure Eintrittskarte leisten konnte, waren am 25. Juni gekommen, um an der Klimatagung „Jornada Sociedad del Conocimiento y Cambio Climático“ teilzunehmen. Die Initiative ist einer kanarischen Unternehmergruppe zu verdanken und soll in den nächsten Jahren fester Bestandteil des Veranstaltungskalenders werden. Ziel ist, nach Auskunft des Leiters der Tagung, Enrique Rodríguez de Azero, die Kanarischen Inseln auf der Weltkarte zu einem Brennpunkt der Diskussion zum Thema Klimawandel zu machen.

So wie der Dokumentarfilm „Eine unbequeme Wahrheit“ schon Millionen ins Kino lockte, sorgte der Publikumsmagnet Al Gore für einen vollen Saal im Auditorium. In seinem Vortrag über die Risiken und Auswirkungen des globalen Klimawandels, den er übrigens auf Spanisch begann und beendete, klärte er auf: „Im 21. Jahrhundert hat sich die Debatte darüber, ob wir eine Umweltkrise erleben erübrigt, denn wir befinden uns bereits mitten drin.“ Trotz seiner deutlichen und schonungslosen Interpretation des Klimawandels, vermag es der wortgewandte US-Demokrat dennoch, den Zuhörer wieder Hoffnung schöpfen zu lassen. „Wir verfügen über alle notwendigen Mittel, um die Umweltkrise zu bewältigen“, versicherte er, „es fehlt nur am Willen der Politiker“.

Ebenso großen Erfolg wie auf Teneriffa hatte Al Gore am Nachmittag desselben Tages auch auf Gran Canaria, wo er seinen Vortrag im Auditorio Alfredo Kraus hielt.

Immigration als Folge des Klimawandels

Treffender hätte Al Gore eine direkte Verbindung nicht darstellen können. Wer sich auf den Kanaren vor dem Klimawandel in Sicherheit wähnte, weiß spätestens seit dem Vortrag des Amerikaners Bescheid. Dass auch die Kanarischen Inseln gegenwärtig in direkter Weise von den Auswirkungen des Klimawandels betroffen sind, machte Gore deutlich, in dem er einen direkten Zusammenhang zwischen Immigration und globaler Klimaveränderung herstellte. „Die Kanaren können der Welt erzählen was es bedeutet, Tausende von Flüchtlingen zu empfangen“, sagte Gore in seiner Rede und erklärte dazu, dass das Steigen des Meeresspiegels, die Klimaveränderungen auf dem afrikanischen Kontinent, die Flucht aus Katastrophengebieten und vor der Armut die Flüchtlinge zur Suche nach einer nachhaltigen Welt antreiben. Solche Migrationen, prognostiziert Gore, werden in Zukunft nur noch zunehmen und die Flüchtlingszahlen, mit denen in den kommenden Jahren und Jahrzehnten zu rechnen ist, werden die heutige Situation auf den Kanaren harmlos erscheinen lassen.

Den Kanaren komme im Rahmen der Bekämpfung des Klimawandels eine besondere Rolle zu,  betonte Al Gore, denn die Inseln seien eine Vermittlungsplattform zwischen Afrika und Europa. Seine strategische Lage mache den Archipel zu einer „Enklave zwischen zwei Universen, die scheinbar weit voneinander entfernt sind, die aber zu einem Gleichgewicht im Zusammenleben finden müssen“. Gore sieht diese Notwendigkeit nicht nur wegen der Auswirkungen des Klimawandels an sich, sondern versichert, dass die durch die globale Erderwärmung zu erwartende Völkerwanderung in der Zukunft der Hauptgrund für Spannungen zwischen den Staaten sein wird.

Doch die Immigration als Folge des Klimawandels war nicht die einzige Verbindung, die Al Gore zu den Kanaren herstellte. Während seines zweistündigen Vortrags fiel immer wieder der Name „Canarias“. In Zusammenhang mit der Zunahme der Naturkatastrophen als weitere Folge der globalen Erderwärmung nannte Gore nicht nur die Hurrikans Katrina und Wilma, sondern erinnerte auch an den Tropensturm Delta, der im November 2005 über die Kanaren hereinbrach.

„Eine unbequeme Wahrheit“ – ein Appell an unser Gewissen

Der von Kritikern und Publikum gleichermaßen gefeierte Film „Eine unbequeme Wahrheit“ (zwei Hollywood-Oscars) dokumentiert den Einsatz des ehemaligen US-Vizepräsidenten Al Gore, über die Folgen des weltweiten Klimawandels aufzuklären. Der Dokumentarfilm, bei dem Davis Guggenheim Regie führte, begleitet Al Gore, der sich selbst spielt, bei seiner reisenden Ein-Mann-Show mit einem Dia-Vortrag über die zerstörerischen Folgen der globalen Erwärmung.

Al Gore erhält in diesem Jahr übrigens den angesehenen spanischen Prinz von Asturien-Preis in der Sparte Internationale Zusammenarbeit. Die Jury begründete ihre Entscheidung damit, dass der Politiker der US-Demokraten und Autor des Dokumentarfilms „Eine unbequeme Wahrheit“ einer der einflussreichsten Führer der Welt sei, der sich dem Kampf gegen die globale Erwärmung verschrieben habe.

Prominente Zuhörer

Kaum eine Persönlichkeit aus Wirtschaft, Politik und Gesellschaft der Inseln ließ sich den Vortrag des ehemaligen US-Vizepräsidenten entgehen. Aus Unternehmerkreisen waren die obersten Bosse der zwei großen Sponsoren der Tagung, CajaCanarias und Unelco, vertreten. Der Wirtschaftszweig der Insel war außerdem durch Pedro Luis Cobiella (Hospiten), José Fernando Rodríguez de Azero (CEOE), Juan Verde (Amerikanische Handelskammer auf den Kanaren) und natürlich der Ausrichter des Events, Enrique Rodríguez de Azero (PuebloChico) vertreten.

Während die Aufzählung der Unternehmer unendlich lang wäre, ist die Liste der Politiker, die zu dem Vortrag erschienen, eher bescheiden. Als Gastgeber trat Cabildo-Präsident Ricardo Melchior auf, begleitet von seinem Vize José Manuel Bermúdez. Das Fehlen von Santa Cruz’ Bürgermeister Miguel Zerolo wurde kaum von der Teilnahme zwei seiner Stadtratsmitglieder verdeckt, und auch die kanarische Regierung hinterließ eine große Lücke. Der noch amtierende Regierungspräsident Adán Martín befand sich auf Reisen, um den Teide als Anwärter auf den Titel Weltnaturerbe zu bewerben, und der Leiter des Umweltressorts, Domingo Berriel, musste sich wegen Flugverspätungen entschuldigen.

Der deutsche Unternehmer Wolfgang Kiessling kann wohl durch den Beitrag seiner Loro Parque Stiftung zur Sparte der Umweltschützer gezählt werden. Zur „grünen Seite“ der Zuhörerschaft zählten unter anderem Wolfredo Wildpret, Lehrstuhlinhaber für Biologie an der Universität La Laguna, sowie der Biologe Antonio Machado Carrillo.

Gore schlägt nachhaltigen Investitionsfonds mit kanarischem Kapital vor, um Afrikas Wirtschaft anzukurbeln

Bei einem Treffen mit kanarischen Unternehmern, das im Anschluss an die Klimakonferenz im Auditorio Alfredo Kraus stattfand, schlug Al Gore den Teilnehmern die Gründung eines nachhaltigen Investitionsfonds mit Kapital aus den kanarischen Investitionsrücklagen vor, um auf dem Archipel Technologie durch Forschung und Entwicklung zu schaffen, die auf den afrikanischen Kontinent exportiert werden kann. Konkret schlug Gore die Entwicklung umweltschonender Technologien wie Meerwasserentsalzung, Fotovoltaik, Biokraftstoffe, etc. vor.

Im September dieses Jahres wird Al Gore erneut auf den Kanaren erwartet, um auf Fuerteventura einen internationalen Kongress zum Thema Klimasschutz zu leiten.

Während des dreitägigen Treffens wird Gore einen Intensivkurs für etwa 200 Teilnehmer anbieten, in dem er Kenntnisse über den Klimawandel, Gefahren, Auswirkungen, die Klimaschutzziele und unwiderlegbare Argumente zur Diskussion vermitteln wird.

Die kanarischen Unternehmer rechnen damit, dass während dieses Treffens der Grundstein für den vorgeschlagenen Investitionsfonds gelegt wird.




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