Vulkanologische Krise spitzt sich zu


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Erdbeben im Norden könnten Vorboten eines zweiten Vulkans sein

Nach einer kurzen Ruhepause verschärfte sich Ende Oktober die vulkanologische Krise von El Hierro. Die Epizentren der Erdbeben verlagerten sich nördlich von La Frontera und erreichten Stärken von bis zu 4,4 auf der Richterskala, sodass der Tunnel von Los Roquillos wieder gesperrt werden musste. Gleichzeitig begann es südlich von La Restinga heftig zu brodeln, Gasblasen und dampfende Pyroklasten drängten an die Meeresoberfläche, starke Strudel entstanden, bis zwei Dampfsäulen in die Höhe schossen und das Fischerdörfchen erneut evakuiert wurde.

Derweil breitet sich die enorme Schwefelfläche weiter aus.

Laut der Wissenschaftler sind die anhaltenden Erdstöße, die Zunahme des Kohlenstoffdioxidausstoßes, der einen Ausbruch ankündigende Tremor und die Geländeverformung typisch für die vulkanologische Aktivität, doch geben sie keinen Aufschluss darüber, ob der Ausbruch des unterseeischen Vulkans südlich von La Restinga weiter an Stärke zunehmen oder ein zweiter auf dem Meeresboden nördlich von La Frontera entstehen wird – oder vielleicht beides.

Die Einwohner La Restingas konnten nach kurzer Zeit wieder zurückkehren, doch tragen sie schwer an den wirtschaftlichen Folgen der vulkanologischen Krise. 

Nach einer kurzen Verschnaufpause begann die vulkanologische Krise auf El Hierro Ende Oktober erneut und überraschte die Experten, als die Epizentren der Erdstöße sich vom Mar de las Calmas – in dem sich der aktive Vulkan befindet – Richtung Norden in das Gebiet von El Golfo verlagerten und dort an Häufigkeit und Stärke zunahmen.

Doch auch der Vulkan bei La Restinga blieb nicht ruhig und als zwei Dampfsäulen in den Himmel schossen wurde La Restinga erneut evakuiert.

Die vulkanologische Aktivität nahm erst wieder ab, dann aber wieder zu, und zeigt sich unvorhersehbar und unberechenbar.

Verschnaufpause

Die Bevölkerung El Hierros wartete schon gespannt darauf, dass der Vulkan die Meeresoberfläche erreichte und suchte bereits nach Namen für das neue Inselchen. Doch zwischen dem 18. und dem 30. Oktober legte 1803-02 [offizielle Klassifizierung des Vulkans; die 18 steht für Spanien, die 03 für die Kanaren, die 02 für die Nummer des Vulkans] eine relative Ruhepause ein. Zwar vergrößerte sich der Schwefelfleck weiter, doch nahmen das Blubbern und der Aufstieg dampfender Pyroklasten [Gesteinsfragmente vulkanischen Ursprungs] an der Meeresoberfläche ab. Auch die Erdstöße wurden geringer und waren kaum noch spürbar. Doch zeichnete sich bereits eine Verlagerung der Epizentren in nördlicher Richtung ab.

Das hochmoderne spanische Forschungsschiff „Ramón Margalef“ erreichte El Hierro und kurz darauf erstellten die an Bord arbeitenden Wissenschaftler mit Hilfe hochpräziser Echoloten ein Bild des Meeresbodens. Zum ersten Mal wurde der 300 m tiefe Vulkan „sichtbar“ und seine beträchtlichen Ausmaße nach dem erst zwei Wochen andauernden Ausbruch erstaunten: der Basisdurchschnitt betrug 700 m, die Höhe 100 m und der Kraterdurchschnitt 120 m. Deutlich zu erkennen war auch die Lavazunge, die sich vom Krater talabwärts ausbreitete.

Aufgrund der vermeintlichen Stabilisierung des Prozesses konnten die evakuierten Einwohner La Restingas in das Fischerörtchen zurückkehren und auch der Tunnel von Los Roquillos auf der Straße zwischen Valverde und La Frontera wurde wieder komplett freigegeben.

Die starken finanziellen Einbußen bei den Hotels, Restaurants, Fischern und Tauchunternehmern veranlassten Cabildo und Gemeinden, von der Zentralregierung finanzielle Soforthilfe und langzeitige Unterstützung zu fordern. Daraufhin bewilligte der Staat eine spezielle Kreditlinie in Höhe von 15 Millionen Euro.

Erdzittern und dampfendes Gestein

Am 30. Oktober war es mit der Ruhe vorbei. Es wurden 93 Erdstöße mit Stärken von bis zu 3,9 auf der Richterskala gemessen, sechs davon waren spürbar. Alle Epizentren befanden sich nordwestlich von La Frontera, waren vom südlich gelegenen Mar de las Calmas und dem Vulkan weg an die Nordküste vor El Golfo gewandert.

Nur einen Tag später meldete sich auch der Vulkan zurück – große dampfende Pyroklasten erreichten wieder die Meeresoberfläche und die Dimensionen des Schwefelflecks nahmen erheblich zu.

Der Krisenstab aus Wissenschaftlern, Vertretern der kanarischen Regierung und des Cabildos bestätigte eine Zunahme der seismischen Aktivität, die sich auf zwei Ebenen abspiele: zum einen in einer Tiefe zwischen 20 und 26 km, zum anderen in einer Tiefe zwischen 10 und 15 km. Davon abgesehen herrschte Ungewissheit bei den Experten. Ana Vidal, Sprecherin des Vulkanischen Notfallplans (Pevolca), erklärte: „Es gibt zu wenig Daten, um sicher sagen zu können, was wärend der nächsten Tage, Wochen oder Monate passieren wird. Pevolca schließt nichts außer einer unmittelbaren [weiteren] Eruption aus.“

David Calvo vom Kanarischen Institut für Vulkanologie dagegen äußerte gegenüber einer lokalen Tageszeitung, die verstärkten Erdstöße nördlich von La Frontera könnten Vorboten eines zweiten Ausbruchs sein. Laut Calvo könnte das Magma dort aufsteigen.

Ausbruch immer wahrscheinlicher

Am 1. November wurden vor La Frontera 31 Erdstöße mit Stärken bis zu 3,9 auf der Richterskala verzeichnet.

Im Süden breitete sich der Schwefelfleck weiter aus und schloss die ganze Insel ein.

Angesichts der Zunahme der seismischen Aktivität vor La Frontera und des Kohlenstoffdioxidausstoßes nahmen die Spekulationen der Wissenschaftler über einen zweiten Vulkan weiter zu.

Ein solcher Ausbruch wäre nicht nur wegen der höheren Einwohnerzahl La Fronteras (4.000 Menschen) problematischer, auch würden Überreste eines enormen Erdrutsches vor Millionen von Jahren den Gasaustritt erschweren und weitere Erdrutsche begünstigen.

Grund genug, um am selben Tag erneut die Katastropheneinsatztruppe des Militärs (UME) mit einer Zeltstadt für 2.000 Personen, 16 Lastwagen, 2 kleineren Fahrzeugen und fast 40 Soldaten per Ferry von Teneriffa nach El Hierro zu transportieren. [Auch das Rote Kreuz ist mit dem nötigen Material für eine 500-Personen-Zeltstadt vertreten.]

Währenddessen weihte die „Ramón Margalef“ den 1,5 Millionen Euro teuren Roboter Liropus 2000 ein und drehte die ersten Videoaufnahmen des Vulkans, die jedoch wegen des trüben Wassers kaum Aufschluss brachten.

Am 2. November wurden nördlich bzw. nordwestlich von La Frontera insgesamt 80 Erdstöße und die seit Beginn der vulkanologischen Krise stärksten Beben von 4,3 bzw. 4,4 auf der Richterskala gemessen. Auch der Kohlenstoffdioxidausstoß der Insel erreichte Höchstwerte.

Unterdessen wurden die ersten Ergebnisse über die Zusammensetzung der schwimmenden und an den Stränden angeschwemmten Pyroklasten bekannt, die vor allem aus Basalt (schwarz) und Trachyt (weiß) bestehen. Laut Geologen der Universität von Barcelona soll es sich um sehr explosives Magma handeln, das nicht zu unterschätzen sei.

Lage spitzt sich zu

Am 3. November nahmen das Blubbern, die Anzahl dampfender Pyroklasten an der Meeresoberfläche und das Zittern in La Restinga derart zu, dass viele Einwohner freiwillig den Ort verließen.

Auch der Tremor [niedrig frequente Beben, die einen Vulkanausbruch ankündigen] bei La Restinga wurde stärker. Die Geländeverformung der Insel entsprach mittlerweile dem Bild eines Magmaaustritts im Süden und einer Magmaansammlung im Norden.

Die Wissenschaftler gaben zu, dass sowohl Erdbeben, CO2-Ausstoß, Geländeverformung und Tremor Hinweise für einen neuen Ausbruch oder eine Verstärkung des bereits aktiven oder beides gleichzeitig seien.

Angesichts der Zuspitzung der Lage entschloss sich das spanische Innenministerium dazu, den Krisenstab in Alarm­bereitschaft zu setzen.

Am 4. November wurde mit 4,4 auf der Richterskala das bisher stärkste Erdbeben der vulkanologischen Krise auf El Hierro gemessen. Das Epizentrum befand sich erneut vor La Frontera und zwar in einer Tiefe von 22 km. Das Zittern der Erde war über die Inselgrenzen hinaus auch in Arafo und Santiago del Teide auf Teneriffa spürbar.

Aufgrund der vom Beben verursachten Steinschläge und der erhöhten Steinschlaggefahr wurden erneut der für die Inselwirtschaft bedeutende Tunnel von Los Roquillos und einige Straßen gesperrt. In Las Puntas (La Frontera) wurden elf Wohnhäuser evakuiert, da sich diese direkt unter gefährlichen Steilhängen befinden.

Ein Rettungshubschrauber mit Wissenschaftlern an Bord überflog den Unterwasservulkan. Dabei kamen faszinierende Fotos zustande, auf denen an drei Stellen Blubbern und Pyroklasten zu sehen sind und die die Anreihung der drei Magma-Austritte verdeutlichen.

Am 5. November bebte die Erde 36 Mal mit Stärken bis zu 3,9 auf der Richterskala, vor allem bei La Frontera. Als vor La Restinga zwei dunkle Dampfsäulen versetzt mit Gestein bis zu 25 m in den Himmel schossen, wurde beschlossen, erneut das Fischerdörfchen zu evakuieren. Die Wassersäulen waren nur 1,8 km von der Küste entfernt und die von den austretenden Gasen und dem in die Luft geschleuderten Gestein ausgehende Gefahr wurde ernst genommen, schließlich konnten die beobachteten Phänomene Vorboten der zweiten bzw. dritten explosiven Phase des Ausbruchs sein. Gegen 18.50 Uhr wurden die in La Restinga verbliebenen 250 Einwohner aufgefordert, sich auf dem Fußballplatz einzufinden. Die meisten machten sich im eigenen Auto auf den Weg, einige stiegen in die bereitgestellten Busse ein. Andere wieder blieben in der Zweitwohnung oder bei Familienmitgliedern oder Freunden in El Pinar. Der Rest  wurde in einem Schülerwohnheim in Valverde untergebracht.

Unberechenbar

Am nächsten Tag ergaben die Messungen der Wissenschaftler, dass der CO2-Ausstoß der Insel fast auf das Vierfache des Normalwertes angewachsen war.

Doch da das Blubbern auf dem Meer de las Calmas an Stärke abnahm, wurde den Einwohnern La Restingas erlaubt, für eine Stunde nach Hause zurückzukehren, z.B. um vergessene Dinge einzupacken.

Am 7. November konnten die Menschen wieder den ganzen Tag über in La Restinga bleiben. Die Wissenschaftler hatten herausgefunden, dass die Wassersäulen aufgrund von Gasansammlungen entstanden waren und keine Gefahr für die Bevölkerung darstellten.

María José Blanco vom Nationalen Geographischen Institut (IGN) gab bekannt, in den folgenden Tagen könne bei La Frontera mit Erdbeben bis zu einer Stärke von 4,6 auf der Richterskala gerechnet werden. Nach Meinung der Experten könne ein weiterer unterseeischer Magma-Austritt im nördlich gelegenen El Golfo nicht ausgeschlossen werden. Auf die Frage, wie lange die vulkanologische Krise andauern werde, konnte Blanco keine Antwort geben. Allerdings würden immer mehr Daten bekannt; so betrage die Magma-Menge, die unterhalb der Insel nach oben drücke, zwische 0,5 und 1 Kubikkilometer, eine ähnliche Menge wie beim Ausbruch des Teneguía auf La Palma. Laut dem Technologischen Institut für erneuerbare Energien (ITER) ist die Temperatur des Meeres an der Oberfläche bei den Magma-Austritten um elf Grad auf 35 Grad angestiegen.

Die Unberechenbarkeit der vulkanologischen Krise verdeutlichte sich erneut am 8. November, als auf einmal wieder das Blubbern auf dem Mar de las Calmas an Stärke und Intensität zunahm. Circa alle 10 bis 15 Minuten nahmen diese noch einmal deutlich zu, um dann wieder leicht schwächer zu werden.

Auswirkungen

Die im Juli begonnene und seit Oktober verschärfte vulkanologische Krise wirkt sich verheerend auf die Wirtschaft El Hierros und die Umwelt aus.

Seit einem Monat müssen die Fischer und Tauchunternehmer von La Restinga ohne Einnahmen auskommen. Auf der ganzen Insel bleiben die Urlauber aus und die Wirtschaft leidet unter den Sperrungen des Tunnels, der Hauptverbindung zwischen Valverde und La Frontera. Teils macht sich bereits Verzweiflung unter den Menschen breit, die dringend Unterstützung benötigen.

Zwar sollen sich Flora und Fauna des Mar de las Calmas nach Abklingen der vulkanologischen Aktivität relativ schnell erholen und nebenbei zur Erforschung der Entstehung von Leben beitragen, doch derzeit gibt es in einem Umkreis von 1,5 Seemeilen kein Leben.

„Zahnpastatube“

Eine Tageszeitung verglich das Magma unterhalb der Insel mit einer Zahnpastatube, deren Ende im Nordwesten vor La Frontera und deren Kopf im Süden vor La Restinga liegt. Die Energie des aufsteigenden Magmas drückt am Ende, dort, wo derzeit die Erde bebt. Doch weil das Magma am Kopf einen Ausgang hat, tritt es dort aus. Trotzdem bleibt die Frage offen, warum sich die Epizentren in zwei verschiedenen Tiefen befinden.




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