Flüchtlingsboot erreichte El Hierro


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Experten befürchten eine Reaktivierung der „kanarischen Route“

In den letzten Jahren kamen nur noch wenige Flüchtlingsboote aus Afrika an der kanarischen Küste an. Die Flüchtlingswelle, die 2006 mit 31.679 illegalen Immigranten ihren Höhepunkt erreichte, ist abgeebbt. Doch Experten fürchten nun, dass sich die Route der Menschenhändler und Flüchtlingsboote erneut auf die Inseln verschiebt.

In den frühen Abendstunden des 27. Dezember erreichte ein mauretanisches Fischerboot – ein sogenanntes Cayuco ­– mit 43 Personen die Küste des kleinen Fischerortes La Restinga an der Südspitze El Hierros. Einwohner, die das kleine Boot sichteten, verständigten die Behörden. Die erschöpften und völlig geschwächten Männer – es waren keine Frauen an Bord – wurden von Beamten der Guardia Civil in Empfang genommen und von Mitarbeitern des Roten Kreuzes vor Ort betreut. Angaben der Polizei zufolge handelte es sich um Flüchtlinge aus Gebieten der Westsahara. Die Überfahrt von der mauretanischen Hafenstadt Nouadhibou dauerte offenbar zwischen fünf und sechs Tagen. Trotzdem war der Gesundheitszustand aller Bootsinsassen zufriedenstellend. Sanitäter kümmerten sich in La Restinga um die unterkühlten und geschwächten Menschen, in deren Gesichtern die Strapazen der Reise und die Verzweiflung ihrer Lage abzulesen war. Später wurden die aus verschiedenen westafrikanischen Ländern stammenden Männer in das Immigranten-Internierungszentrum von Hoya Fría auf Teneriffa gebracht, da es auf El Hierro keine vergleichbare Einrichtung gibt bzw. diese nicht mehr in Betrieb ist.

Die Tatsache, dass das Boot von dem den Kanarischen Inseln am nächsten gelegenen Hafen Afrikas ablegte, scheint die Befürchtungen einiger Experten zu bestätigen, die von einer möglichen Reaktivierung der Einwanderungsroute über die Kanarischen Inseln sprechen. Über Jahre hinweg waren die zu Spanien gehörenden Inseln das Eingangstor zu Europa für Tausende Armutsflüchtlinge aus Afrika. In den Jahren 2006 und 2007 kamen fast täglich kaum seetaugliche Fischerboote auf den Kanaren an. Allein zwischen Januar 2006 und August 2007 sollen nach damaligen Schätzungen der Guardia Civil mindestens 1.260 Bootsflüchtlinge bei der Überfahrt von Afrika auf die Kanaren ums Leben gekommen sein. Die Dunkelziffer dürfte weit höher sein.

Nun weisen die Experten darauf hin, dass die stärkere Küstenüberwachung durch die Marokkanische Gendarmerie und der Grenzgebiete bei Ceuta und Melilla die „kanarische Route“ wieder attraktiver macht. Hinzu komme, dass das spanische Küstenüberwachungssystem SIVE auf den Kanaren abgeschaltet wurde und die Boote so wieder unbemerkt die Strände und Buchten anlaufen können. Sofern sie es so weit schaffen, denn das Drama der illegalen Zuwanderung sind die vielen Tausend verzweifelten Menschen, die bei der Überfahrt ums Leben kommen. Erst vor wenigen Wochen verunglückte ein Flüchtlingsboot vor Lanzarote. Dabei starb mindestens ein Mensch, weitere werden vermisst.

Das Cayuco, das am 27. Dezember El Hierro erreichte, war im Jahr 2012 das einzige Flüchtlingsboot, das in der Provinz Santa Cruz de Tenerife registriert wurde.




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