Atlantis in Galicien


Der gesunkene Wasserspiegel hat die alte Brücke von Portomarín wieder zum Vorschein gebracht. Foto: EFE

Der Regenmangel lässt die Stauseen austrocknen und bringt unter den Fluten verschwundene Zeugen der Vergangenheit wieder ans Tageslicht, die nun massenweise Besucher anlocken

Santiago de Compostela – Während in anderen Teilen Spaniens schwere Regenfälle niedergingen, herrscht in Galicien bereits seit sieben Monaten Trockenheit. Diverse Stauseen sind ausgetrocknet und haben alte Gemäuer ans Licht gebracht, die nun viele Touristen anlocken. Insbesondere im Weinanbaugebiet Ribeira Sacra, welches die Ufer der Flüsse Sil und Miño umfasst und wo zu Franco-Zeiten diverse Dörfer zum Bau von Wasserkraftwerken überflutet wurden, bietet sich derzeit ein seltenes Bild, das die Besucher in eine andere Zeit zurückversetzt.

Galiciens Wasseramt hat eine Vorwarnung ausgesprochen. In den vergangenen sieben Monaten hat es kaum geregnet. Es handelte sich um den trockensten Sommer seit über 30 Jahren, und auch im Herbst ist 40% weniger Regen gefallen als im Durchschnitt. Die Stauseen sind durchschnittlich nur noch zu 45% gefüllt. Unternehmen und Bewohner wurden zu einem „äußerst verantwortungsvollen Wasserverbrauch“ angehalten.

Währenddessen sinkt der Pegel in den Stauseen unaufhörlich, teilweise bis auf den Grund. Damit kommen die Dörfer, die zu Franco-Zeiten überflutet wurden, wieder ans Tageslicht und werden von Neugierigen bevölkert, die durch die früheren Gassen schlendern. Dörfer, Straßen, Brücken, Weinberge, ibero-romanische Siedlungen und vorgeschichtliche Felszeichnungen sind wieder zum Vorschein gekommen, als wären sie Atlantis.

Aus dem Belesar-Stausee, den größten des Miño-Flusses, sind die früheren Terrassenfelder aufgetaucht, die bereits zu Zeiten des Römischen Reiches zum Weinanbau angelegt wurden. Auch das ursprüngliche Dorf Portomarín, das 1963 auf Anweisung von Franco nach seinem Neuaufbau hangaufwärts überflutet wurde, ist wieder ans Tageslicht getreten. Die alte Brücke, die Wege und sogar der Friedhof befinden sich in perfektem Zustand und überraschen ehemalige Einwohner und Besucher.

Die Ruinen der ibero-romanischen und mittelalterlichen Siedlung Castro Candaz Foto: PNOA cedido por © Instituto Geográfico Nacional

Den Flusslauf weiter hinunter stoßen die Besucher derzeit auf die magischen Ruinen der ibero-romanischen und mittelalterlichen Siedlung Castro Candaz. Deren höchster Punkt war während des Sommers höchstens unter der Wasseroberfläche zu erahnen, doch nun liegt Castro Candaz wieder gut sichtbar über der Wasserlinie und hat sich zum Besuchermagneten entwickelt. Die Einwohner fürchten schon, dass die über Tausend Jahre alten, vom Wasser geschützten Mauern nun vom Besucheransturm in Mitleidenschaft gezogen werden.

Der Stausee von Portodemouros gleicht einer Kieswüste, wären da nicht die vielen Besucher, welche dieser Tage anreisen, um die Ruinen des 1967 überfluteten Dorfes Marquesado in Augenschein zu nehmen. Die Trockenheit hat dafür gesorgt, dass die seit vielen Jahrzehnten unter Wasser liegenden Mauern und Säulen wieder ans Tageslicht kommen. Der Stausee von Fervenza ist nur noch zu 20% gefüllt. In den letzten Monaten ist der Wasserstand unaufhörlich gesunken und hat eine Megalithanlage freigelegt. Trotz der vielen Jahre im Wasser kann der krönende Dolmen noch gut ausgemacht werden.

So hat die Trockenheit Galicien derzeit um Sehenswürdigkeiten bereichert. Wer die Zeitzeugen der Geschichte mit eigenen Augen sehen möchte, sollte sich jedoch sputen, denn der nächste Regen kommt bestimmt und wird dafür sorgen, dass die Ruinen wieder unter der Wasseroberfläche verschwinden.

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