» Orijama «


Seit Kurzem treiben in den unteren Zonen der Insel die Verodes (Kleinia neriifolia) wieder frische grüne Laubbüschel, und auch die ersten der verschiedenen Tabaiba-Arten schlagen bereits aus. Sie warten nicht auf den Winterregen. Sie haben in ihren dicken Stämmen während der trockenen Jahreszeit ausreichend Wasser gespeichert, um pünktlich mit dem Austreiben zu beginnen. Ganz offensichtlich sind sie in der Lage, die Jahreszeit festzustellen. Aber nicht alle Pflanzen der unteren Klimazone sind wasserspeichernde Sukkulenten. Balo (Plocama pendula), ein Strauch mit langen, als dünne, hängende Fäden ausgebildeten Blättern, ist ganzjährig grün, weil seine Wurzeln bis hinunter zum Grundwasser wachsen können, oft 4 – 5 Meter tief, was die meisten Sträucher nicht schaffen. Aber was ist mit den anderen Pflanzenarten?

Sie müssen die winterlichen Regenfälle abwarten und dann sehr schnell wachsen, blühen und Samen bilden. Das geht bei den eingangs erwähnten typischen Pflanzen dieser Region deutlich gemächlicher. Ob eine der beiden Strategien besser ist, lassen wir offen; denn erfolgreich sind sie beide.

Ob wir von Punta Brava westwärts nach San Pedro wandern oder bei Santa Catalina zum Charco verde, ob wir im Süden das Malpaís de Güímar erkunden oder die Montaña Pelada umrunden, im Barranco von Masca unterwegs sind oder …, … die Liste der Wanderungen, auf denen wir Wolfsmilchgewächsen (Tabaiba und Cardón) und anderen Sukkulenten begegnen, ist nahezu endlos. Über sie gibt es manches zu berichten, nicht nur ihres giftigen Milchsaftes wegen. Daneben fallen manche andere Bewohner dieser Zone kaum auf, obwohl sie in manchen Gegenden gar nicht selten wachsen. Sie sind es wert, sich mit ihnen zu beschäftigen. Da wären zum Beispiel die giftigen Seidenpflanzen, zu denen die Leuchterblume (Ceropegia fusca) mit einer lampionähnlichen Blüte und der Cornical (Ceropegia fusca) mit Früchten, die an Stierhörner erinnern, gehören. Richtig interessant ist aber Orijama. Der Name leitet sich von der Sprache der Guanchen her und bedeutet: „heiliges Reisig“, auf Spanisch: „Leña buena“. So heißt dieser kleine Strauch noch heute bei den Einheimischen, einer der wenigen Fälle, in denen die Bezeichnung von den unterworfenen Ureinwohnern 1:1 in die Sprache der Eroberer übernommen wurde.

Die Wissenschaft benannte ihn „Neochamaelea pulverulenta“ und nimmt damit auf sein Aussehen Bezug. Etwas frei übersetzt bedeutet das „staubige weitere Olivenart“; denn die Laubblätter sehen wie verkleinerte Blätter des Olivenbaums aus. Zugleich sind sie von einem dichten Besatz kleinster weißer Härchen bedeckt, was sie staubig aussehen lässt. Auch die roten Früchte wirken so. Die staubähnlichen Härchen sind ein gutes Merkmal der Pflanze. Sie reflektieren das Sonnenlicht und schützen so Blätter und Früchte vor Verbrennungen.

Betrachten wir die gelben Blüten etwas eingehender, fällt uns leicht auf, dass in jungen Blüten die Staubblätter gut entwi­ckelt sind, während die weiblichen Blütenorgane, der Stempel, recht klein ausfallen. Erst später, nach einiger Blütezeit, ändert sich das Verhältnis. Dann sind die Staubblätter klein, und der Stempel ragt deutlich über sie heraus. So wird verhindert, dass die Nektar suchenden Insekten den Blütenstaub auf eine andere Blüte derselben Pflanze übertragen können. Zahlreiche Pflanzenarten entwickelten diesen Schutz vor genetischer Verarmung, der allerdings voraussetzt, dass Neo­chamaelea in der Region häufig genug vorkommt und nicht alle Blüten gleichzeitig nur männlich oder nur weiblich sind.

Die roten Früchte werden gerne von den kanarischen Eidechsen gefressen, die später mit ihrem Kot die Samen ausscheiden. So werden diese nicht nur von der Mutterpflanze fortgetragen, sondern keimen später auch besser. Vor allem die großen Eidechsen-Arten, die heute entweder ausgestorben oder in ihrem Bestand stark bedroht sind, trugen die Samen so weit weg, dass eine gute genetische Durchmischung stattfand, was wiederum die Widerstandsfähigkeit der Population verbesserte und damit den Erhalt dieser Art sicherte. Bei einer Art, die es exklusiv nur auf einigen wenigen unserer Inseln gibt, ist das nicht unwichtig. Vor der Besiedlung der Inseln durch die Ureinwohner gab es damit kein Problem. Große Eidechsen spielten jedoch seitdem eine gewisse Rolle in der Ernährung der frühen Insulaner. Die Zahl der Rieseneidechsen nahm allmählich ab und die genetische Durchmischung der Pflanzenpopulation ebenfalls. Mit den spanischen Eroberern kamen zusätzlich Katzen auf die Inseln und machten den Rieseneidechsen den endgültigen Garaus. Streunende und verwilderte Katzen dezimieren heute die kleineren Eidechsenarten, was die Lage unserer Pflanze noch mehr erschwert. Mittlerweile ist die unverzichtbare Durchmischung fast verloren gegangen und mit ihr die Widerstandsfähigkeit dieser Populationen. Auf La Palma ist die Pflanze inzwischen ausgestorben. Umweltbewusste Wanderer sollten daher hierzulande nie streunende Katzen füttern.

Aufgüsse aus Leña buena spielten früher in der Volksmedizin eine gewisse Rolle. Der Sud kann Blutzucker und auch Blutfette senken, wirkt außerdem gegen Bakterien und Pilze und kann auch als Desinfektionsmittel eingesetzt werden. Bei solchen Eigenschaften wundert es nicht, dass die Guanchen diese Pflanze bei der Mumifizierung ihrer Verstorbenen verwendeten. Wahrscheinlich hielten sie nicht nur Bakterien, sondern ebenso auch Insekten und deren Larven fern. Anders als die alten Ägypter balsamierten die Guanchen ihre Toten nicht, sondern trockneten die Leichen in der Sonne und am Feuer. Mit Sicherheit wurden dabei auf Aas spezialisierte Insekten angelockt, aber durch Orijama daran gehindert, die Mumien anzufressen oder auf ihnen ihre Eier abzulegen. Jedenfalls interpretiert man so die Funde von Teilen dieser Pflanze bei den Mumien. Tatsächlich weisen nur wenige der Mumien im Museo de la Naturaleza y del Hombre durch Insekten verursachte Fraßschäden auf. Ein Zweig Orijama ist bestimmt nicht schlecht als Zimmerschmuck und vermutlich weniger problematisch als manches Insektenvernichtungsmittel aus der Drogerie.

Michael von Levetzow 

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