» Cazoletas und Canalillos «


Die Ureinwohner Teneriffas wussten es genau: Sie waren die von der Insel und die anderen Fremde. So nannten sie sich auch. Guan chinet – Menschen von der Insel. Ob sie für die Insel noch einen richtigen Namen hatten, ist nicht überliefert – wie so Vieles nicht. Und ob sie sich untereinander auch als Guan chinet bezeichnet haben, darf mit gutem Grund bezweifelt werden. Aus Guan chinet wurde jedenfalls in der Sprache der Eroberer die Bezeichnung Guanche. Die Kultur der Guanchen erlebte ab 1496 nach der Eroberung der Insel einen raschen Niedergang und wurde bis auf ein paar spärliche Überreste, deren bekanntester Gofio, das gerös­tete Mehl, ist, vollständig durch die europäische Lebensart ersetzt. Auch die durch Krieg, Seuchen und Versklavung stark dezimierte Urbevölkerung ging in der neuen Gesellschaft auf. Zeitgenössische Beschreibungen des Lebens der Guanchen gibt es nicht. Die ältesten Berichte darüber wurden etwa 100 Jahre nach der Eroberung zu einer Zeit verfasst, als es eine erkennbare Urbevölkerung mit eigener Kultur nicht mehr gab. Sie werden daher von der modernen Wissenschaft als nicht verlässlich eingestuft, zumal viele überlieferte Behauptungen nicht mit den archäologischen Befunden in Einklang gebracht werden können. Überhaupt Archäologie: Die bekannten Fundstücke aus den einheimischen Museen zeigen zwar einige Aspekte des Lebens der Ureinwohner, häufig kennt man aber noch nicht einmal ihre Fundorte, geschweige denn die genauen Fundzusammenhänge – unerlässlich für jegliche seriöse archäologische Forschung. Bis ins 20. Jahrhundert waren es vorwiegend interessierte Sammler und keine Fachleute, die an den Fundstellen das entnahmen, was ihnen persönlich interessant, spektakulär und der Mitnahme wert erschien. Wir wissen recht wenig von den Guanchen, und manche scheinbar plausible Schlussfolgerung erwies sich im Nachhinein als unzutreffend. Zum Beispiel die, auf Teneriffa gebe es keine Felszeichnungen. Man hatte sie nur nicht wahrgenommen. Sie sind hier, genauso wie auf den anderen Inseln, in Stein gehauene Zeugen einer untergegangenen Kultur, von der wir nur wenig wissen und wohl noch weniger verstehen.

Mittlerweile haben Archäologen vor allem im Süden der Insel zahlreiche Felsritzungen dokumentiert. Möglicherweise gab es ähnlich viele auch im Inselnorden. Aber falls es sie gab, sind die meisten längst im feuchteren Klima verwittert oder von späteren Generationen überbaut worden. Typischerweise gravierten die Ureinwohner ihre Zeichnungen bevorzugt in weicheres, weniger witterungsbeständiges Gestein. Man nennt es heute „Toba“ oder „Tosca“. Es ist das Material, in das man künstliche Höhlen graben kann. Basalt, Trachyt und Phonolith sind hart und wurden seltener bearbeitet. Sie sind aus fließender Lava entstanden. Toba hingegen bildete sich, wenn sich Glutwolken ablagerten. Die glühenden Teilchen, aus denen diese vorher bestanden, konnten sich dabei nur locker miteinander verschweißen. So entstand ein leicht zu bearbeitendes Gestein. Manche der beeindruckenden alten Portale in La Laguna wurden daraus gemeißelt, aber auch die Becken der historischen Weinpressen im Anaga-Gebirge.

Die genaue Lage vieler Fundstellen wird nicht allgemein veröffentlicht. Sie sollen dadurch etwas geschützt werden; denn inzwischen haben manche Zeitgenossen begonnen, ihre eigenen, an den alten Formen orientierten Symbole auf Felsen zu hinterlassen. Der Schaden wäre nicht wieder gutzumachen, tobte sich so jemand bei den guanchischen Relikten aus. Dem aufmerksamen Wanderer können sie dennoch auffallen, zum Beispiel am Camino Viejo de Candelaria, kurz bevor man das Ruinendorf Pasacola erreicht. Dort wurden in eine schräge, ca. 20 m lange Felsrampe die häufigsten Vertreter von Felsritzungen auf Teneriffa gemeißelt: kleine Näpfe oder Schälchen zusammen mit zahlreichen, überwiegend talwärts verlaufenden Linien oder Rillen. Manchmal kreuzen sie sich, manchmal verbinden sie die kleinen runden Vertiefungen miteinander. Einige beginnen oder enden in etwas größeren Schalen von den Ausmaßen eines Suppentellers. Das hat etwas von einer groß angelegten Murmelbahn. Murmelspiele sind aber von den Guanchen nicht bekannt. Vermutlich diente diese Anlage einem anderen Zweck. Üblicherweise bringt man sie und weitere ähnliche Plätze mit religiösen Riten der Ureinwohner in Verbindung. Genaues weiß man auch hier nicht. Nahe liegt, dass die Schälchen, die Cazoletas, eine Flüssigkeit aufnehmen konnten. Manche vermuten, es könne Milch gewesen sein, die hier geopfert wurde und durch die Rinnen der Canalillos abwärts floss.

Oft sind Cazoletas und Canalillos der natürlichen Felsform angepasst. Wie alt sie sind, ist schwer zu sagen. Im Laufe von Jahrhunderten hat der Zahn der Zeit im wahrsten Sinne des Wortes an ihnen genagt. Man kann sie leicht übersehen. Anders verhält es sich mit Spiralmotiven und anderen Symbolen. Sie sind allerdings von Teneriffa viel weniger bekannt. Besucher der Cueva del Viento können im Ausstellungsbereich des Informationszentrums auf der glatten Oberfläche eines in der Nähe gefundenen Basaltblocks eine große eingemeißelte Spirale sehen. Sie gilt als ein Sonnensymbol,  so wie auch die einem Speichenrad ähnliche Gravur auf der Degollada de Yeje bei Masca. Auf dem etwas weiter nördlich von dort verlaufenden Bergrücken von Abache gibt es eine weitere, gut erhaltene Fundstelle in der Nähe der Ruine des Bauernhauses. Hier finden wir am Rand des Abgrunds zum Barranco de Juan López sehr gut gearbeitete Cazoletas und Canalillos. Sie sind so gut erhalten, als wären sie von den Bauern angelegt worden, die hier noch vor wenigen Jahrzehnten lebten.

Von hier, wie auch von der Degollada de Yeje kann man oft den großen Doppelvulkan aus Teide und Pico Viejo in der Ferne sehen. Vielleicht hat das bei der Auswahl dieser jeweils am Rand sehr tiefer Schluchten gelegenen Orte als Plätze für diese Steinritzungen eine Rolle gespielt. Romantiker und Esoteriker glauben daran. Wir wissen es nicht.

Michael von Levetzow 

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