Caldera de Taburiente – ein magisch-heiliger Ort


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Entdeckungen hiesiger Archäologen sind für europäische Forscher nichts Neues

Am 25. Januar 2011 erschienen gleichzeitig in zwei Tageszeitungen, El Día und Diario de Avisos, Berichte über neue Entdeckungen der beiden Archäologen Jorge Pais (La Palma) und Antonio Tejera Gaspar (Universität La Laguna/Teneriffa), die sie gemeinsam in der Caldera de Taburiente auf La Palma in den letzten vier Jahren gemacht und nun in einem Buch unter dem Titel „Die Religion der Benahoritas“ veröffentlicht haben.

Bisher waren die Archäologen davon ausgegangen, dass der gewaltige Kraterkessel von den Ureinwohnern der Insel, den Benahoritas oder Auritas, ausschließlich als Weidefläche genutzt wurde und hierin keine großen Funde aus der Vorzeit zu erwarten sind. Gerade Jorge Pais vertrat diese Meinung, die er bereits bei seiner Doktorarbeit zum Ausdruck gebracht hatte. Wie er nun zugab, war dies ein Irrtum.

Bei den seit 2007 stattfindenen Forschungen entdeckte man eine große Zahl von ins Gestein geritzter canalillos und cazoletas (Kanäle und Schälchen), die vermutlich magisch-religiösen Ritualen dienten. Neben neuen Felsbildstationen, über die aber keine näheren Angaben gemacht wurden, fand man auch Gebilde von Steinaufschichtungen. Aus den neuen Funden schließen die beiden Wissenschaftler, dass die Caldera de Taburiente vor allem ein magischer und religiöser Kultort der Ureinwohner gewesen sein muss.

Bekräftigt wird diese Annahme durch den sich in der Mitte der Caldera befindlichen Roque de Idafe und die Möglichkeit, dass neben anderen Orten des Gebiets besonders dieser eine mythisch-kosmische Rolle gespielt hat. Beide Wissenschaftler heben die Bedeutung der Berge hervor und betonen, dass diese in vielen Kulturen des Altertums eine wichtige Rolle spielten, stellten sie doch Orte dar, wo sich der Himmel mit der Erde vereint. Wie die beiden Forscher glauben, war für die Benahoritas der Idafe ein solcher Platz, wo sich gute Geister und böse Wesen befanden. 

Auch gingen sie auf die Höhle von Tajodeque ein, die sich in den Klippen oberhalb der Steilwände des heutigen Nationalparks befindet. Von deren Eingangsbereich aus ist der in der Ferne aufsteigende Teide gut zu sehen. Für die Archäologen zeigt sich hier ganz klar und in beeindruckender Weise die Beziehung der Benahoritas zu diesem gewaltigen Vulkan auf der Nachbarinsel. Jorge Pais meint, dass sie in diesem die Gestalt von Abora sahen, ihrem höchsten Gott wie zudem auch dem Dämon des Feuers, der sich bei Ausbrüchen zeigte. Ihm zufolge gibt es noch weitere Fundstellen auf den Berggipfeln der Insel, deren Ausrichtung in direktem Zusammenhang mit dem Erscheinungsbild des Teide steht.

Zudem gingen die beiden Wissenschaftler auf das Thema Wasser ein und sind der Auffassung, dass dieses lebensnotwendige Nass gerade im südlichen Teil der Insel und auch in der Caldera schon zu Zeiten der Urbewohner äußerst knapp war. Darin liegt für sie mit der Grund, warum der Kessel von Taburiente ein magischer Kult­-Raum war, in dem auch spezielle Riten abgehalten wurden, mit denen man die Götter um Regen anflehte.

Diese Tatsache scheint zwar für einige Gebiete der Insel gegolten zu haben, ist aber für die Caldera de Taburiente selbst nicht nachvollziehbar, da hier aufgrund der vielen Wasserquellen und das in den Barrancos fließende Wasser sicherlich kein Mangel an diesem bestand.

Die angeblich neuen Entdeckungen von Jorge Pais und Antonio Tejera auf La Palma, stellen für die europäische Forscherwelt durchaus keine Neuigkeiten dar. Bereits in den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts erschienen diesbezügliche Publikationen und auch ein Buch von H. Braem, der viele Jahre auf der Insel lebte und forschte. Teile seiner Schilderungen finden bei diesem Bericht eine Berücksichtigung, nicht aber die bereits allgemein bekannten Fundorte.

La Palma ist äußerst reich an Funden aus der Zeit seiner Ureinwohner, den Benahoritas. Als die Insel als vorletzte des Archipels von Alonso Fernández de Lugo erobert wurde, gab es hier 12 Königreiche. Eines davon war das Gebiet von Aceró, gelegen in der Caldera de Taburiente, das regiert wurde von Tanausú, dem letzten von den Eroberern gefangengenommenen Herrscher der Insel. Seine Wohnhöhle, deren Fußboden sogar mit Steinen gepflastert war, befindet sich nahe dem „Río de Taburiente“. Heutzutage ist der Eingang zu dieser Höhle durch die ICONA-Forstverwaltung [Nationales Institut für Naturschutz (Instituto Nacional para la Conservación de la Naturaleza) Anm. d. Red.] zugemauert und man nutzt die Residenz als Abstellraum.

In unmittelbarer Nähe dieses einstigen Königssitzes befinden sich auch Reste von alten Steinhäusern der Benahoritas, wo etliche Keramikfunde gemacht wurden. Im weiten Rund der Caldera, die nicht nur in damaliger Zeit, sondern auch heute noch als Weideland genutzt wird, gibt es zahlreiche Orte mit einem magisch-religösen Charakter. Hier wurden verschiedene Felsbildstationen und auch in Stein gearbeitete Canalillos und Cazoletas (Kanäle und Schälchen) gefunden, die sicherlich einem besonderen Ritual dienten.

In La Pasada, am westlichen Rand der Caldera zwischen El Time und dem ICONA-Aussichtsturm „Hoya Grande“, steht ein 2,5 Meter hoher Petroglyphenstein, dessen eigenwillige Bildgravur möglicherweise an einen Vulkanausbruch erinnert. Unmittelbar dahinter befindet sich eine jetzt ausgetrocknete heilige Quelle vor der sich ein kleiner Tagoror [Versammlungsplatz, Anm. d. Red.] zeigt.

In der Steilwand der Caldera gibt es etliche alte Wohnhöhlen in denen man Keramik, Knochen und Werkzeuge fand. Unweit davon tut sich eine haushohe Höhle von 57 Meter Länge und sechs bis acht Meter Breite auf, die einst ein Friedhof der Ureinwohner war. Wo heutzutage nur noch Stücke zerbrochener Keramik verstreut auf dem Boden liegen, wurden vor wenigen Jahren Schädel und Knochen verstorbener Benahoritas und sogar die Mumie eines Mädchens gefunden. All diese Dinge sind mittlerweile geplündert worden und befinden sich jetzt in Privatbesitz.

In der Mitte der Caldera de Taburiente erhebt sich der hohe Berg Idafe, einst verehrt als Heiligtum, den Himmel stützende Säule und auch als Fruchtbarkeitssymbol. Auf seiner ersten Plattform befindet sich eine Art Opfernische wo, wie die mündliche Überlieferung besagt, ihm die Menschen die Eingeweide von Tieren als Opfergabe darbrachten. Dieser Monolith stellte das Zentrum für religiös-magische Riten der Menschen von Aceró dar. In seiner Nähe stößt man auf einen der besterhaltenen und schönsten Tagorors des Archipels.

In den schroff abfallenden Steilhängen der Caldera, zwischen dem Pico Palmero und dem Roque de los Muchachos, liegt eine Kulthöhle namens Tajodeque. Die Wände in ihrem Innern sind mit nordafrikanischen Petroglyphen und Schriftzeilen versehen, die zu den wenigen bisher auf La Palma gefundenen zählen und den Alphabetiformen von El Hierro gleichen. Dennoch sind diese bedeutend jüngeren Datums im Vergleich zu den sonst auf der Insel vorherrschenden uralten megalithischen Felsbilder Nordwest-Europas. Vom Eingang der Höhle aus ist in der Ferne der majestätische Teide zu erkennen, den die Ureinwohner als heiligen Berg ansahen. Auf den Gipfeln im weiten Rund der Caldera de Taburiente gibt es jedoch noch weitere archäologische Fundstellen, die mit dem Teide als „göttlichen“ Berg in Verbindung gebracht werden.

Nicht nur die Cumbres erlauben einen Blick auf den Teide, sondern auch von der Ostküste der Insel aus ist dieser bei guter Sicht unübersehbar. Bei Los Cancajos, nahe der Inselhauptstadt Santa Cruz de la Palma, erhebt sich eine große Pyramide mit dem Namen „El Guincho“, auf deren Westseite eine ein Meter breite und mit 32 Stufen versehene Treppe hinauf zur oberen Plattform führt. Ihre Längsseiten sind vermutlich exakt auf den Teide ausgerichtet.

Diese Pyramide wurde bereits im Jahr 1990 von dem österreichischen Geo-Wissenschaftler R.F. Ertl vermessen und erforscht. Dabei entdeckte er auf der untersten, durch Gesteinsabrutsch teilweise zerstörten Stufe, mehrere durch Geröll fast verdeckte scheinbar gemauerte Kammern.

Verbergen sich in ihrem Innern vielleicht Gegenstände der Urbevölkerung oder gar Mumien? Solange man keine offiziellen Forschungen durchführt, muss über den Zweck der Pyramide und auch die Herkunft ihrer Erbauer spekuliert werden.

Etwa 100 Meter oberhalb dieses fast quadratischen Baus befinden sich pyramidenähnliche mannshoch erbaute Steingebilde in länglicher Form mit einem Aufbau von nur drei Stufen, aber ohne Treppe. Diese stellen vermutlich „molleros“ dar, die auf den Inseln bekannten Steinaufschichtungen des 19. Jahrhunderts.

Am Nordrand des im Aridane-Tal gelegenen Ortes El Paso, erhebt sich ebenfalls eine Pyramide, die jedoch seit Jahren allgemein bekannt ist. Im Jahr 2007 war es ein Deutscher, der im „Malpaís“ [*s.u.] der Umgebung dieser Gemeinde eine weitere vermutliche Pyramide in gut erhaltenem Zustand entdeckte. Auch diese besitzt, wie alle anderen Bauten dieser Art, eine Treppe hinauf zur Plattform und scheint möglicherweise eine astronomische Ausrichtung aufzuweisen. In ihrer Nähe  ist eine runde Steinkonstruktion zu finden, die stark an den Tagoror beim Idafe erinnert.

Der Nordwesten La Palmas scheint zu Urzeiten besonders stark besiedelt gewesen zu sein. Darauf deuten die vielen einst von den Benahoritas bewohnten Höhlen hin, bei und in denen etliche Funde von Gegenständen zutage traten. Gerade die Gegend um die heutige Ortschaft Garafía weist eine große Zahl von Felsgravuren und Kultstätten auf.

Einer der bekanntesten Kultorte war „El Calvario“, wo viele Dinge des megalithischen Nordwest-Europa gefunden wurden. Außer Steinsetzungen dieser Epoche, gibt es vor allem etliche Petyroglyphen. Diese zeigen keine libysch-berberischen Motive, sondern eindeutig Darstellungen  aus der Bretagne und Irland.   

Aus Berichten von heute greisen Bewohnern dieses Landstrichs ist zu erfahren, dass hier noch vor 80 Jahren die Ruinen-Reste einer großen quadratischen Pyramide zu finden waren. Kein Wunder, denn schon die Chronisten der Eroberungszeit berichteten übereinstimmend von solchen in verschiedenen Gebieten der Insel, auf denen Riten abgehalten und auch Könige gekrönt wurden.

Heutzutage existieren im El Calvario noch nicht einmal diese Reste. Die Steine der Pyramide, von denen einige sogar mit megalithischen Symbolen versehen waren, befinden sich nun in Hauswänden oder den Mauern von Terrassenfeldern, die ab dem 19. Jahrhundert entstanden.

Der moderne Mensch hat im Laufe der Zeit viel von den Hinterlassenschaften der altkanarischen Kultur zerstört. Glücklicherweise gibt es genügend Museen auf den Inseln, die eines Tages hoffentlich als Geschenk auch die wertvollen Gegenstände erhalten, die sich heute noch in Privatsammlungen befinden.

Manfred Jantzon

[* „Malpaís“(schlechtes Land) ist ein aus Lava bestehendes stark erosioniertes Gelände, das eine große Vielfalt an Pflanzenarten mit vielen Endemismen beherbergt.  Der Name zielt auf das durch zerklüftete Lavaströme entstandene Landschaftsbild. Anm. d. Red.]

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